We Collide
CD

(Michael Schuh, Laut)

Hickeln nennt man landläufig das Hüpfspiel, dem vor allem Mädchen im Vorschulalter verfallen sind und dessen acht quadratische Felder kurioserweise den Weg auf das neue Mesh-Cover fanden. Die Zielgruppe dürfte damit kaum bedient werden, denn weder fliegen der britischen Band ausschließlich Frauenherzen zu, noch sind diese unter 12 Jahre alt. Allerdings zählt man ihre Musik schonmal zur nicht nur politisch fragwürdigen Genre-Bezeichnung Weiberelectro.

Falls das Coverbild andeuten sollte, dass man auf "We Collide" für die guten Songs ein paar mittelmäßige überspringen muss, ist die Metapher allerdings geglückt. Zwar ließen sich die Synthie-Popper für den Nachfolger des vor vier Jahren zu Recht gelobten Albums "Who Watches Over Me?" klugerweise mehr Zeit als ihre deutschen Kollegen von De/Vision (was auch der Trennung von Sony Music geschuldet sein dürfte). Die Frische des Vorgängers will trotzdem nur partiell aufkommen. "We Collide" bietet solides Songwriting ohne große Überraschungen.

Dass auf dem zweiten Hickelfeld 'ne Wumme liegt, dürfte einige schreibende Kollegen schnell an assoziative Abgründe der Marke "Knallersongs" oder "durchschlagskräftiges Album" führen. Was die Band selbst damit ausdrücken will, bleibt schleierhaft, denn auch aktuelle Politthemen wie Gewalt an Schulen werden nicht weiter erörtert.

Stattdessen dreht sich einmal mehr alles um die diffizilen und unvorhersehbaren Eigenheiten der Liebe in ihren zahlreichen Schattierungen. Um das Leben zwischen Himmel und Hölle eben, wie das Hickelspiel auch gerne genannt wird, oder nennen wir das Kind doch gleich mit den Worten von Meshs Vorbildern beim Namen: "Pain and suffering in various tempos".

Die Platte beginnt rasant: "Open Up The Ground" ist ein klassischer Mesh-Dancefloor-Kandidat, dessen einnehmender Refrain aber nicht kaschieren kann, dass das Trio neuerdings ein Faible für Trance-Fanfaren hegt. Dieses besonders durch Großraumdisko-Acts bekannt gewordene Sound-Phänomen tritt später unnötigerweise noch in den Refrains von "Step By Step" und "Crash" auf.

Sehr gut gelingt den Jungs aus Bristol dagegen "No Place Like Home", ein ruhiges Highlight mit stimmigem Arrangement, einprägsamer Piano-Melodie und einem schönen Break, das das Ausgangsmotiv leicht variiert zum Finale hin geleitet. Hier geht Intensität mit atmosphärischem Songwriting Hand in Hand. An dieser Stelle muss auch die Ballade "Room With A View" genannt werden, der ordentliche Crossover aus Rockgitarre und Computerbeats in "This Is What You Wanted" und schließlich das famose "My Hands Are Tied", das alle Stärken, die Mesh ausmachen, in viereinhalb Minuten zusammen fasst.

Davon hätte es ruhig mehr geben dürfen, dann müsste man sich vielleicht keine lustlosen Four-to-the-Floor-Geschichten wie "Petrified" oder eben "Crash" anhören, was die tanzwütigen Mesh-Fans sicherlich anders sehen. Vielleicht liegt aber gerade hier der Schlüssel zu Meshs großem Erfolg in Deutschland, wo man ihre Musik auch gerne in Discos spielt, während die Band in England so gut wie keinen Fuß auf den Boden bekommt. In ihrer Heimatstadt spielen Mesh in einem Laden mit dem schönen Namen "Bierkeller". Weiberelectro läuft sicher woanders.

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