Who Watches Over Me?
CD

(-tz, Virtualrock)

Die Anzahl der Lobesworte für elektronisch veranlagte Musik in einem Magazin, in dem die Redakteure schwere Gitarren-Kaliber, wie "Helmet", "Harmful" und "Prong" zu ihren Favoriten zählen, ist naturgemäss eher zurück haltend. Da nützen dann auch zuweilen grosse Namen nichts, was im letzten Jahr eine Welle der Empörung seitens der "Depeche Mode" -Anhänger in unserem Briefkasten auslöste.
Und doch, - es gibt Ausnahmen, und zwar genau dann, wenn man sie nicht auf dem Plan hat.
"Mesh" heissen die Tatverdächtigen, die mit ihrem vierten Album, "Who Watches Over Me?", auch die härter gesottenen Redaktions-Seelen dauerhaft für sich einnehmen konnten. Ob es wohl daran liegt, dass sie die "Poppin'-Eighties" bereits als Erwachsene erlebt haben und während dessen die Namen "Human League", "Visage" und "Depeche Mode" als willkommende Abwechslung der seinerzeit gähnend langweiligen und belanglosen Gitarren-Rock-Szene empfanden?
"Mesh" beweisen jedenfalls auf ihrer Scheibe, dass sie mit derlei Anbindungen keine Probleme haben und tragen ihren, an sich sterilen Synthie-Pop mit grossem Herzen und noch grösseren Gefühlen vor. Hier werden Hymnen prunkvoll in Szene gesetzt ("Leave You Nothing"), leidvolle Balladen ohne jegliche Scham inszeniert ("To Be Alive") und tanzbare Grooves direkt auf das Bewegungszentrum der Hörerschaft fokussiert ("Little Missile", "What Does It Cost You?", "Friends Like These"), die dem Unwort "Pop-Musik" jeglicher anrüchigen Bedeutung berauben.
"Who Watches Over Me?", will gefallen und zwar nicht auf subtile Art, sondern mit einer zupackenden Direktheit, die keine zweifelnden Fragen oder tiefgründige Diskussionen aufwirft. Die Songs leben nicht von schwergewichtigen Themen und sind keine kopflastige Erzählmusik, sondern wollen erfühlt und mit den primären Sinnen sogleich wahrgenommen werden.
Gesegnet mit der gefühlvollen-, bisweilen erotischen-, manchmal schon fast androgynen Stimme Mark Hockings', die zwar immer präsent-, niemals aber aufdringlich ist, gelingt "Mesh" mit dieser Scheibe genau das, was den Altvorderen von "Depeche Mode" auf ihrem letzten Album weitgehend abging: Ein abwechselungsreiches und mit Songperlen gespicktes Album mit hohem Hitfaktor und universellem Wirkungsgrad. Warum also Bewährtes neu erfinden, muss man sich wohl in Bristol gedacht haben, wenn das Alte noch so viel brach liegendes Potential birgt? Der Genrationswechsel scheint also bevor zu stehen, und "Mesh" stehen in der Erbfolge in vorderster Reihe. Und das zu Recht!

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