Zurück in der Wohlfühlzone

Dass die beiden Briten Mark Hockings und Richard Silverthorn aka Mesh seit vielen Jahren für hochkarätigen Electropop mit Gänsehautgarantie stehen, dürfte den wenigsten wirklich neu sein. Und dennoch scheint es, als würden sie sich mit ihrem neuen Album "A Perfect Solution" selbst ein Denkmal setzen können. Auch die Band selbst spricht von ihrem bislang besten Album. Wir plauderten mit Rich über das neue Werk.

Rich zeigt sich hocherfreut über die bisherigen euphorischen Reaktionen auf die Single "Only Better" und hofft natürlich auf ebenso gute Rückmeldungen zum Album: "Daumen drücken! Bislang ist das Feedback wirklich sehr positiv. Der Song ist sehr stark und die Leute sind offensichtlich ganz begeistert davon und freuen sich auf das Album." Wirklich Sorgen muss sich die Band allerdings nicht machen, denn die Single stieg auf Platz 84 der offiziellen Charts und auf Platz 2 der DAC ein. "Wir sind damit zufrieden", sagt Rich bescheiden. "Wir waren ja auch vorher schon mal in den Charts, mit der Mark-'Oh-Kollaboration. Es ist ein Schritt in die richtige Richtung und bedeutet, dass die Leute die Single gekauft haben, und das ist wirklich gut." Definitiv ein richtiger Schritt war es für die Band auch, wie bei den vorigen Alben für den letzten Feinschliff die Fähigkeiten eines Produzenten zu bemühen. War es beim Vorgänger "We Collide" noch der ehemalige Depeche-Mode-Produzent Gareth Jones, so orientierte man sich diesmal Richtung Deutschland und ließ Olaf Wollschläger ans Mischpult, der auch den Platten von In Strict Confidence und Melotron einen knackigen Klang verpasste. Rich erzählt, wie es dazu kam: "Unser Label schlug uns vor, Olaf eine Radioversion machen zu lassen. Also haben wir ihm alle Dateien geschickt. Wir mochten den Gesamtsound seiner Version, also haben wir ihn auch den Rest des Albums mischen lassen." Dabei betont die Band weiterhin, dass das Album "wie immer von uns beiden in Bristol geschrieben und produziert wurde. Wir hatten bereits qualitativ hochwertige Aufnahmen aller Songs gemacht, aber wir mochten den Gedanken, es jemand anderen mischen zu lassen, um ein anderes Gefühl dafür zu kriegen. Wir kannten Olaf von anderen Bands, mit denen er gearbeitet hat, also dachten wir, dass es gut wäre, ihn zu involvieren. Er wühlte sich durch Hunderte von Audiofiles, die wir ihm geschickt hatten." Mit Herrn Wollschläger hat man hörbar eine gute Wahl getroffen, auch wenn der Studioaufenthalt für Rich nicht immer ganz einfach war. "Letztendlich kam ich zwar zu dem Schluss, dass es wirklich gut war, was er gemacht hat, doch zunächst klang alles, was er geändert hat, in meinen Ohren falsch. Es fiel mir wirklich schwer, mich auf die Dinge einzustellen, die er geändert hatte. Daher war es anfangs harte Arbeit, aber letztendlich ist es wirklich gut gelaufen. Ich habe mich irgendwann einfach zurückgelehnt und ihn machen lassen und wollte nur hier und da etwas geändert haben. Es war der Situation sehr ähnlich, in der wir uns beim letzten Mal mit Gareth befunden hatten. Es mag zwar anstrengend für mich gewesen sein, aber am Ende holte Olaf das Beste raus. Er ist ein toller Typ. Ich mag ihn sehr und wir haben viel gelacht. Ich habe viel Respekt vor dem, was er gemacht hat, und ich weiß dass er viele Stunden hineingesteckt hat. Es war eine tolle Erfahrung."

Nicht nur in Olafs Studio gibt es mit Sicherheit jede Menge Kabel, sondern auch im Artwork zur Single und zum Album. Wenn man weiß, dass Rich gelernter Elektriker ist, könnte man hier vielleicht einen scherzhaften Zusammenhang herstellen. Rich lacht: "Nein. Das war die Idee des Fotografen. Es war einfach ein Zufall. Nachdem wir die Pressefotos gemacht hatten und überall diese Kabel waren, sind wir dabei geblieben. Auf jedem Foto ist eine Art Kabel, und diese Geschichte mit dem Gebäude auf dem Album... es hält irgendwie einfach alles zusammen. Das war definitiv nicht wegen meines Jobs!" Beschäftigt man sich mit den Texten auf dem Album, so drängt sich dabei vielmehr der Eindruck auf, dass die Kabel als Metapher für die unterschiedlichen Verbindungen zwischen zwei Menschen stehen, und Rich stimmt zu: "Ja, es geht um Verbindungen, auch emotionale Verbindungen, traurige Beziehungen und solche Dinge. Es ist eine Art Bildsprache, um dies mit dem Inhalt der Songs zu verbinden. Es ist nicht als eine Art Konzept gedacht. Wenn man sich das Album anhört, macht man sich sowieso sein eigenes Bild davon. Es ist nur der visuelle Aspekt der Sache." Neben verschiedenen Kabeln und Steckdosen taucht auch immer wieder das dazugehörige Haus auf den Pressefotos und vor allem dem Cover der Single und des Albums auf, das ganz offensichtlich schon bessere Tage gesehen hat. Und wie an einem Haus, muss man auch an einer Beziehung immer wieder gemeinsam arbeiten, renovieren und reparieren, damit sie nicht zerfällt - ein sehr treffendes Bild, das den Inhalt der Texte auf dem Album perfekt widerspiegelt. "Ja, ich denke, das trifft es", meint Rich. "Es geht um Beziehungen, und wir wollen damit sagen, dass es - auch wenn du schwierige Zeiten durchmachst, nicht weiterkommst und alles schiefgeht - da immer ein Licht am Ende des Tunnels gibt und etwas existiert, das dich das durchstehen lässt. Du weißt, dass du an etwas arbeiten musst, und vielleicht sieht es gerade nicht so toll aus, aber solange du daran arbeitest, gibt es einen Weg. Ich denke, das ist es, was wir mit dem Großteil der Songs sagen wollen." Dabei scheint ein Stück sowohl textlich als auch musikalisch eine zentrale Schlüsselfunktion zu haben - "It might be the perfect solution" heißt es im Refrain des Songs "Who Says?", und damit wird auch der Albumtitel aufgegriffen. "Ja, ich denke, das ist der Song auf dem Album, der alles zusammenfasst", bestätigt Rich. "Es ist fast schon wie eine Art Streitgespräch. Die eine Person sagt etwas und die andere Person sagt etwas anderes oder sie werfen sich gar die gleichen Sachen vor: 'Ja, vielleicht funktioniert es nicht immer, aber vielleicht ist es die perfekte Lösung, und das ist der Grund, warum ihr noch immer zusammen seid.' Sehr düster."

So pessimistisch die Texte von Mesh auch immer sein mögen, an der privaten Situation der beiden Musiker kann es nicht liegen, dass diese sich hauptsächlich mit problematischen Beziehungen beschäftigen, denn beide sind in langjährigen Beziehungen, Rich ist sogar seit einiger Zeit verheiratet. Er erzählt: "Ich weiß dass Mark über Dinge schreibt, die er nicht unbedingt selbst erlebt hat, es sind eher Beobachtungen, die er kürzlich bei einigen seiner Freunde gemacht hat. Gute Freunde, die sehr lange zusammen waren und sich ganz plötzlich trennten, bei denen man überhaupt nicht wusste, was dort eigentlich vorgegangen war. Es geht nicht um irgendeine bestimmte Person, es sind eher allgemeine Dinge." Dinge, die die Band schon seit ihrem Debüt "In This Place Forever" beschäftigen und mit denen sie sich in ihren Texten auseinandersetzt. Dabei hatte man beim Vorgängeralbum "We Collide" fast schon den Eindruck, dass die Band sich allmählich anderen Themen zuwendet, denn in Texten wie bei "Can You Mend Hearts?" befasste man sich beispielsweise mit dem schwierigen Thema Kindesmissbrauch. Auf "A Perfect Solution" allerdings scheint der Fokus wieder auf Beziehungstexten zu liegen, und das vielleicht sogar stärker als bei allen vorherigen Alben. "Ich glaube, gerade auf 'We Collide' hat Mark versucht, von all diesen Beziehungsthemen etwas wegzukommen. Das meiste waren eher Beobachtungen von anderen Beziehungen, wie die zwischen Vater und Tochter oder Sohn, oder die Texte waren aus der Sicht eines Kindes geschrieben. Bei diesem Album sind wir wieder zurückgekehrt zu dem, was er nun mal am besten kann. Es ist fast schon wie ein Rückschritt zu etwas, mit dem wir uns wohlfühlen. Das letzte Album war auch klanglich etwas kommerzieller als dieses Album. Auch da haben wir jetzt wieder einfach das gemacht, womit wir uns am wohlsten fühlten", meint er grinsend und ergänzt: "Wir mögen den Gedanken, ein Album zu schreiben, das eine Art Soundtrack zum Leben eines Menschen ist. Wir bekommen so viele E-Mails von Leuten, die uns schreiben, dass unsere Stücke ihnen durch harte Zeiten geholfen haben und ihnen sehr viel bedeuten. Und wenn Leute uns so etwas sagen, ist das das schönste Kompliment überhaupt für uns. Unsere Alben sind teilweise so etwas wie Freunde für sie. Wenn es ihnen schlecht geht, hören sie es sich an und finden darin Hoffnung, Inspiration, was immer du willst."

Da man ja bekanntermaßen mit guten Traditionen nicht brechen soll, stellt sich auch bei dieser Veröffentlichung die Frage, ob, wie in der Vergangenheit, noch eine zweite Single folgen wird. Rich ist optimistisch: "Ich denke schon. Wir waren jetzt eine ganze Weile weg. Es kommt uns nicht lange vor, aber drei Jahre nicht im Business aktiv zu sein, ist schon eine lange Zeit. Unsere Plattenfirma war zunächst nur daran interessiert, eine Single zu veröffentlichen und dann das Album rauszubringen. Sie meinten: 'Lasst uns eine Single veröffentlichen und schauen, wie es funktioniert.' Aber die Reaktionen auf die Single waren so gut, dass es wohl eine zweite Single geben wird." Welcher Song das sein wird, will Rich allerdings noch nicht verraten. Damit aber noch nicht genug, denn zum einen ist Rich gerade kräftig mit den Vorbereitungen für die kommende Tour beschäftigt, "zum anderen arbeiten wir gerade an einem weiteren Track für die Limited Edition des Albums. Es wird eine Vinyl-Single geben, die Teil des Pakets sein wird. Darauf wird es einen exklusiven Track geben, der nicht auf dem Album sein wird, und daran sitzen wir gerade. Es ist ein gutes Gefühl, fast so, als würden wir eine B-Seite schreiben", grinst er. Verfolgt man die von Sänger Mark geposteten Einträge bei Twitter aufmerksam, so ist diesen zu entnehmen, dass sich Mesh auch bühnentechnisch einiges vorgenommen haben. So soll es keine reguläre Videoprojektion mehr geben, sondern einen Aufbau mit vier Bildschirmen. Rich meint dazu selbstironisch: "Ja, wir wollten uns selbst dieser bescheuerten Herausforderung stellen. Als wir mit diesem ganzen Videokram anfingen, waren wir eine der ersten Bands, die das taten. Heute benutzen sehr viele Bands Videos. Daher sagten wir uns, dass wir etwas anderes versuchen müssen um uns weiterzuentwickeln, etwas, das man nicht erwartet. Wir haben jetzt dieses Setting mit vier Bildschirmen, die alle mit der Musik synchronisiert sind, auf denen sich verschiedene Bilder und Dinge hinwegbewegen. Es wird also nicht mehr den Fokus auf einen großen Bildschirm geben. Ich meine, es ist wirklich witzig - wenn bei bestimmten Songs ein kontextbezogenes Video läuft, blickst du in die erste Reihe des Publikums und merkst, dass dich keiner mehr anschaut. Wir könnten vielleicht sogar von der Bühne gehen und niemand würde es bemerken! Daher wollten wir dieses Element mehr in die Show integrieren. Das ist zumindest der Plan. Ich habe noch nicht gesehen, wie es letztendlich aussieht, es wird also spannend."

Daniel Kugler, Zillo

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