Liebesgeschichten in grau

Drei Jahre nach ihrem "We Collide"-Album, darüber hinaus fast drei Jahre nach dem Ausstieg von Neil Taylor, kehren Mesh zurück mit ihrer neuen MCD "Only Better", der alsbald das Album "A Perfect Solution" folgen wird. Auf beiden Werken thematisieren die Jungs, in Arrangements von härterer Klangsprache verpackt, die weniger schönen Aspekte von Partnerschaften, deren beste Zeiten verklungen sind, und um deren Fortbestand es sich dennoch zu ringen lohnt. Wir sprachen mit Richard 'Rich' Silverthorn über den aktuellen Stand der Dinge.

Zweifelsohne handelt es sich bei "Only Better" um einen sehr eingängigen Song, der die richtige Wahl für eine Singleauskopplung darstellt. War dies den Musikern schon in frühesten Entwicklungsstufen dieses Songs klar? Es gibt ja solche Lieder, die schon in den ersten Minuten ihres Entstehens ein sonderbar-magisches Flair innehaben - andere enthüllen ihre Hit-Qualitäten erst beim Endmix. Zu welcher Kategorie gehört "Only Better"? Rich antwortet: "Gemeinhin erkennen wir das Potenzial eines Tracks niemals, bevor er beendet ist - und sogar dann sind wir nicht die besten Entscheidungsinstanzen, denn bis zu diesem Zeitpunkt haben wir den Song viel zu oft gehört! Im Falle von 'Only Better' sah es ganz anders aus: Mark spielte mir eine Rough-Demo-Version vor, die nichts weiter beinhaltete als seinen Gesang, unterstützt von einer Gitarre. Doch sofort sah ich in dem Stück eine Single! Die Songstruktur überzeugte vom ersten Augenblick an. Ich kann mir sogar eher Mainstream ausgerichtete Künstler wie Robbie Williams vorstellen, die dieses Lied als Single benutzen könnten. Das beste: die letztendliche Version ist gar nicht so weit entfernt von der Struktur des ersten Demos!" Von den Endversionen beinhaltet die MCD drei Fassungen: "Gritty", welches man als die "Radio-Pop-Rock-Version" bezeichnen könnte, des Weiteren die eher elektronisch angelegte "Clubversion" und der "Alien6 Mix", der womöglich in der Mitte zwischen den beiden anderen Fassungen anzusiedeln ist. Würde Rich dieser Zuordnung zustimmen? "Diese Beobachtungen gehen klar. Unsere Originalversion war sehr dran an der 'Gritty'-Version. Wir sandten den Track des Mixens wegen zu Olaf Wollschläger, und er veränderte ein paar Dinge, die aber eher das Ausbalancieren der einzelnen Spuren betrafen. Er ist es auch, der für die Clubversion verantwortlich zeichnet. Doch wir bestanden darauf, dass die 'Gritty'-Version der Main Track der Single bleibt, da sie die radiotauglichste ist. Geoff Pinckney, unser Live-Keyboarder, erstellte den 'Alien6-Mix', der ebenfalls eher auf den Clubeinsatz abzielt. Doch die Version, die uns gefühlsmäßig die naheste ist, bleibt 'Gritty'." Einen weiteren Track der MCD, "Shattered Glass", mag man wohl mit Fug und Recht als härtere Nummer, vielleicht sogar als überraschend aggressiven Song bezeichnen; ein raues Unisono-Zusammenspiel von Gitarren und Synths, die klirrenden Glas-Samples, der zornig wirkende Gesang: Wird sich eine solche Klangsprache bei Mesh auch in Zukunft fortsetzen? Rich: "In der Tat ist dieser Song härter! Eigentlich startete er als ziemlich melodisches Lied, aber das Gefühlvolle in ihm funktionierte nicht richtig, und so veränderte ich den ganzen Song grundlegend zu dem, was er nun ist. Das Stück ist ein wenig verwirrend, da es über keinen wirklichen Chorus verfügt - aber es funktioniert! Vielleicht werden wir ja eines Tages mal die ursprüngliche Fassung preisgeben." Schließlich enthält die MCD noch einen weiteren Song: "Everything I Made", eine sehr emotionale Komposition, deren Endchorus wirklich bewegen kann! Fänden sie es ärgerlich, wenn ein Hörer dieses Stück dem Titelsong vorzöge? Rich erwidert gelassen: "Überhaupt nicht, es wäre nachvollziehbar! 'Everything I Made' ist für mich eines der herausragendsten Stücke des kommenden Albums! Auf den letzten Shows haben wir es schon gespielt, und es gab frenetische Reaktionen! Deswegen haben wir uns auch dazu entschieden, diesen Song in die MCD-Auswahl zu nehmen: als kleine Repräsentation, was es auf dem Album zu hören geben wird. Oz Morsley von Kloq, ein guter Freund von uns, erstellte diese Version, richtete sie hinsichtlich Tanzflächenkompatibilität aus. Unsere Albumversion ist anders, doch ebenfalls cluborientiert." Der Chorus dieses Songs, bestehend aus den bestechend einfachen und doch sehr eindringlichen Zeilen "Everything I did, ended up so wrong; everything I made, never lasted long", wirkt nach nur einmaligem Hören durchaus zwingend, lockend, bestürzend gut. Dieser Titel hätte wohl ebenfalls zu einer A-Seite ausproduziert werden können? "In der Tat! Es war eine lustige Situation, als wir unser Album der Plattenfirma vorstellten, und die Leute ziemlich verwirrt waren bezüglich der Single-Auswahl. Sie meinten, dass sich doch mindestens fünf Songs als Kandidaten eignen würden! Ich glaube, wir müssen irgendetwas richtig machen!" Der Synth-Pop-Appeal früherer Tage wurde durch ein schärferes, gitarrenlastigeres, dunkleres Profil ersetzt, vor allem in "Shattered Glass" und "Everything I Made". Das wird womöglich den einen oder anderen Hörer verwirren. Wie kam es zu diesem Wechsel in der Klangsprache? "Ich denke, unser Selbstvertrauen lässt uns souveräner mit dem Gedanken umgehen, was einige engstirnige Leute über unsere musikalischen Schritte sagen mögen. Wahrscheinlich waren wir zuvor zu sehr bemüht, in jene Wahrnehmungsschemen zu passen, die bestimmen, wie eine elektronische Band gefälligst zu klingen hat. Es wird immer Leute geben, die den Einsatz von Gitarren im Synth Pop, ich hasse immer noch diesen Begriff, nicht gutheißen werden. Doch wir standen allezeit auf dem Standpunkt, dass jegliches erlaubt ist, was die erwünschte Emotion stimmig transportiert. Vielleicht sind wir heutzutage einfach selbstbewusst genug, solche Schritte zu gehen; und wir wissen, dass viele unserer Anhänger mögen werden, was wir tun."

Die neuen Lyrics, sowohl auf der MCD als auch auf dem kommenden Album, beschäftigen sich mit den Schwierigkeiten von Beziehungen, die ihre beste Phase bereits hinter sich haben. Der Wille, trotz solcher Unbill fortzufahren, als ob nichts sei, ist vorhanden, doch die Partnerschaft gleitet ab in erschreckende Nüchternheit, frei von brennender Liebe, dafür aber gebeugt vom Alltagsgrau. "Diese Umschreibung ist sehr nah an unserem Themenkreis. Man könnte sagen, dass das Album den Hörer mit auf eine Reise nimmt, deren letztendliche Botschaft lautet: 'Hey, das Leben ist nicht mehr so großartig, aber es wartet ein Licht am Ende des Tunnels, und es gibt immer gute Gründe, weiterhin durchzuhalten!' Doch bevor es zu diesem hoffnungsvollen Aufruf kommt, werden die dunklen Seiten solcher Beziehungsentwicklungen erforscht." Gibt es denn, der letztendlichen Botschaft von vorsichtigem Optimismus zum Trotze, eine wirkliche Hoffnung für solche Beziehungen? Sind sie nicht schon unheilbar entzwei gerissen? Sie werden also wacker fortgeführt, obgleich die emotionale Intensität verloren ist? Gibt es die Chance eines Neustarts mit wiedererweckten überwältigenden Gefühlen? Rich hierzu: "Ich glaube, unsere Botschaft enthält auch folgende Aussage: 'Nun, dies mag nicht das Ideal sein, aber es gibt wesentlich schlimmere Schicksale, und obendrein können und werden sich die Dinge aller Wahrscheinlichkeit ändern. Man sollte stark sein und nicht zu sehr beim Negativen verharren!'" Offenbar sind Enttäuschung und Frustration über diese typisch menschlichen Entwicklungs- und Verhaltensschemen tief in das Bewusstsein der Mesh-Jungs eingedrungen und belasten deren einstige Unbeschwertheit? Sind dies Resultate privater Entwicklungen? Schlicht Beobachtungen soziokultureller Trends? Oder vielleicht gar Reaktionen auf Entwicklungen innerhalb des Bandkreises? Rich entgegnet: "Mark baut seine Texte auf Beobachtungen auf, nicht notwendigerweise auf Erfahrungen. Er kann zutiefst menschliche Gefühle erfassen, und die meisten Menschen können dies für sich selbst und ihr eigenes Leben umsetzen. Viele Leute unterstellen uns, düster zu sein, aber dies könnte nicht ferner von der Realität sein. Ich habe unzählige E-Mails oder Briefe erhalten, in denen uns die Absender bestätigen, dass wir ihnen durch eine düstere Lebensphase geholfen haben. Dies muss wohl das größte Kompliment sein, was man überhaupt bekommen kann." Worauf die Frage bezüglich der 'Entwicklungen innerhalb des Bandkreises' anspielte, was Folgendes: Im Jahre 2006 verließ Neil Taylor die Band, und das nach fast fünfzehn Jahren. Was waren seine Beweggründe? Was geschah unmittelbar nach dem Split? Rich berichtet: "Neil stieg aus, weil ihm eines Tages schlicht auffiel, dass ihm alles zu viel wurde. Er wünschte sich mehr Ruhe und ein normaleres Leben. Seine Funktion innerhalb der Band war eher die geschäftliche Seite als die musikalische. Obgleich seine Entscheidung für uns eine Enttäuschung war, wussten wir, dass sie den musikalischen Output nicht allzu sehr beeinflussen würde. Der härteste Aspekt seiner Entscheidung war der, dass Neil sich genau zwischen zwei Armen der 'We Collide'-Tour zu ihr durchrang - was bedeutete, dass wir in Windeseile jemanden finden mussten, der ihn zu ersetzen fähig war. Geoff Pinckney war dieser Jemand. Wir kannten ihn schon seit Jahren und wussten, dass er ein großartiger Musiker und Sänger ist: so war dieses Problem gelöst."

Was kann der Hörer vom kommenden Album erwarten? Rich erwidert begeistert: "Ich habe immer Schwierigkeiten, unsere Arbeit zu beschreiben, aber lass es mich so ausdrücken: Dies ist DAS Album. Diejenigen, die es gehört haben, behaupten, es ist dunkler als alles, was wir bisher geschaffen haben, und doch kommerziell und inspiriert. Seine Grundschwingungen sind schneller, sein Ausdruck ist leidenschaftlicher als auf den Vorgängerwerken. Es gibt auch ein Duett auf der Scheibe: etwas, was wir zuvor niemals ausprobiert haben. Julia Beyer von Chandeen und Technoir lieferte die Vocals hierzu. Dies, wie auch das gesamte Album, wird in das Leben der Menschen hineinfließen."

Myk Jung, Gothic

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