Niemand ist Prophet in seinem eigenen Land...

Mesh! Ah, Mesh... Trust You, Confined, The Purest People, The Damage You Do, It Scares Me, Confined, My Defender, Firefly, Leave You Nothing, No Place Like Home, Petrified, This Is What You Wanted, Room With A View... Eine unglaubliche Sammlung an unverkennbaren Hits, diese Art von Songs, die in deinen Kopf eindringen und nie wieder verschwinden, die warme und dynamische Stimme von Mark Hockings, Melodien, die dein Herz berühren oder dich unruhig machen, kurz gesagt eine der besseren, wenn nicht sogar die beste Elektropop Band in der ganzen Welt! Da Depeche Mode jetzt älter werden, übernehmen Mesh und machen populäre Musik, die gegen den Mainstream geht, wie es fast nur englische Musiker zu machen wissen. Sehr freundliches Interview mit Rich Silverthorn, dem genialen Komponisten der Band.

Als Erstes eine Frage, die bisher nie gestellt wurde, aber aus meiner Sicht sehr wichtig ist: warum solch ein Name, Mesh? Hat er für Euch eine Bedeutung?

Rich: Dahinter steckt leider keine wirkliche Bedeutung. Wenn man eine Band gründet, stellt sich die Frage nach einem Namen als äußerst schwierig heraus und kann sehr energie- und zeitaufwendig sein. Mark schlug "mesh" vor und wir sagten alle einfach "Ja", dass ist prima.

Ihr kommt aus Bristol, einer Stadt, in der Massive Attack und Trip-Hop beheimatet ist. Hat es Eurer Karriere geholfen, in einer Stadt zu leben, die Musik mag oder eher nicht? War sie ein guter Beweggrund, um zu komponieren oder magst Du dieses Trip-Hop Zeugs nicht?

Rich: Ich denke, Bristol ist für seinen Trip-Hop bekannt, aber hier wird auch noch jede Menge andere Musik gespielt. Obwohl wir hier leben, wurden wir nicht wirklich beeinflusst. Wir wuchsen alle mit der frühen Elektromusik auf und unser Antrieb, Musik zu machen, hat dort ihren Ursprung.

Man vergleicht Euch häufig mit Depeche Mode, was positiv ist. Seid Ihr darüber verärgert?

Rich: Ahh... OK, wenn es als Kompliment gemeint ist und bedeutet, dass wir gute Songs und Melodien schreiben, dann ist es in Ordnung. Aber wenn die Leute versuchen, uns zu unterstellen, dass wir sie in jeder Hinsicht kopiert haben, dann kotzt es mich wirklich an. DM sind eine tolle Band und ich besitze sogar einige ihrer Musik in meiner Sammlung. Aber sie sind eine von Hunderten von Bands, die ich höre. Worin würde der Sinn bestehen, wenn wir versuchen, wie sie zu klingen? Das größte Kompliment, das wir bisher bekommen haben, ist, dass andere Bands wie wir klingen, was soviel bedeutet, dass wir unseren eigenen eindeutigen Sound haben.

Denkst Du, dass die Tatsache, dass DM und Ihr den selben Techniker und Co-Produzenten habt, nämlich Gareth Jones, diesen Vergleich verstärken könnte?

Rich: Nein, normalerweise schreiben wir selbst, nehmen selbst auf, produzieren selbst und mixen auch selbst. Aber bei diesem Album wollte es unsere Plattenfirma mal zur Abwechslung mit externer Hilfe versuchen.
Gareths Name kam zur Sprache, als wir gerade am "Who Watches Over Me?" Album arbeiteten. Aber sein enges Verhältnis mit Depeche Mode bereitete uns Sorgen und wir dachten, es wäre keine gute Entscheidung, mit ihm zu arbeiten, obwohl der Typ eine Legende in der Produktionswelt der Elektromusik ist. Als wir mal wieder über ihn redeten, dachten wir, schauen wir uns einfach mal seine letzten Produktionsarbeiten, mit denen er beschäftigt war, an und waren über das breite Spektrum seiner Projekte, an denen er beteiligt war, überrascht. Eines davon war das Album für Embrace, das zu der Zeit die Nummer eins in UK war. Das hat unsere Entscheidung beeinflusst. Eine andere Sache, hinter der wir her waren, war jemand, der schon mit rockigen Bands und nicht nur mit elektronischem Zeugs gearbeitet hatte.
Es war die richtige Entscheidung. Gareth ist ein toller Kerl, mit dem man arbeiten konnte, gleicher Meinung war, was die Ziele dieses Albums betraf und der aus den Songs, die er mixte, das Beste herausholte. Er arbeitet sehr konzentriert und ist für alle Leute um ihn herum eine inspirative Person. Wenn es nach meiner Meinung eine Sache gibt, an der Gareth leidet, so ist es die Tatsache, dass die Leute ihn nur mit DM in Verbindung bringen, obwohl er doch mit so vielen anderen Bands ebenfalls zusammen gearbeitet hat.

Niemand ist Prophet in seinem eigenen Land: England kennt Euch nicht sehr gut, aber Ihr seid in vielen anderen Ländern berühmt, besonders in Deutschland, wo eher harte Musik wie z.B. EBM bekannt ist. Glaubst Du, dass dieses Land des Biers und der Muskeln, die "Fragilität" Eurer Musik mag?

Rich: Ja, mit Sicherheit. Die deutschen Fans waren unserer Musik gegenüber sehr empfänglich... Jedes Mal, wenn wir dort auf Tour sind, scheint es immer besser zu werden. Ich vermute, es ist unser stärkstes Terrain. Andererseits haben wir dank des Internets eine breit gefächerte Fanbase weltweit. England ist ein schwieriges Land, um einen Durchbruch zu schaffen, denn die verschiedenen Trends für Musikstile kommen und gehen recht schnell. Wir können in London eine Show vor 700 Leuten spielen und am Ende wird sie doch wieder als "underground" bezeichnet, auch wenn eine beliebte Chart/Radio Band vielleicht nur vor 300 Leuten spielt??? Wer weiß?

Um jetzt mal auf die "Fragile" Dinge zu sprechen zu kommen. Eure letzten Platten waren feinfühlig und voller Melancholie und enthielten sowohl traurige als auch fröhliche Songs und manchmal Gitarrenklänge. Auf der "We Collide", wo der Sound größer ist, mit mehr Gitarrenklängen, befinden sich beinahe rockige Lieder. Revolution oder Weiterentwicklung mit dem Bestreben nach einem neuen Sound seit "Who Watches Over Me?" in 2002?

Rich: Jedes Mal, wenn wir ein neues Album schreiben, versuchen wir uns weiter zu entwickeln und unsere Musik in eine andere Richtung zu drücken. Kritiker meinten über "Who Watches Over Me?", dass es ein tolles Album ist, aber vielleicht zu ausgefeilt/kommerziell. Mit "We Collide" schrieben wir ein Album, das wir wollten. Ich denke, wir versuchten, es kantiger und härter klingen zu lassen. Gitarren waren dabei eine große Hilfe. In unserer Musik haben wir immer Gitarren benutzt, aber vielleicht eher in einer strukturierteren Weise, daher haben wir sie im Mix zurückgenommen oder heruntergefiltert. Dieses Mal haben wir sie konventioneller klingen lassen und sie in den Vordergrund gerückt und damit vielleicht eine etwas rockigere Atmosphäre erzeugt...

Versucht Ihr, mit diesem neuen Sound ein größeres englisches Publikum zu erreichen? Oder hat Eure Weiterentwicklung vielleicht gar nichts damit zu tun?

Rich: Man hofft immer, mit jeder Veröffentlichung eines neuen Albums jedes Mal mehr Leute anzusprechen. Aber wir haben es nie bewusst gemacht, um das zu erreichen. Ich möchte, dass der Zuhörer uns dafür mag, was wir sind, nicht dafür, was wir versuchen, zu werden. Ich denke, um jetzt einen Durchbruch in UK zu schaffen, müssten wir mit Indy Rock oder Hip-Hop anfangen. Aber ich denke, das wird nie passieren! ;-)

Wie schreibt Ihr Eure Songs? Lasst Ihr Euch nur durch Eure Inspiration leiten oder versucht Ihr auch, den Wünschen Eurer Fans nachzugehen?

Rich: Nein, wir neigen dazu, aus dem Inneren zu schreiben und hoffen, dass es die Fans am Ende berührt. Wir schreiben in zwei verschiedenen Weisen: 1. Ich schreibe ein komplettes Musikstück und gebe es Mark, der dann den Text hinzufügt oder 2. Mark schreibt einen Song und gibt ihn mir, damit ich die Musik um seine Vocals arrangieren kann.
Bei diesem Album gab es eine kleine Änderung, denn dieses Mal schrieb Mark die Demos in eine sehr einfache Form, packte sie auf eine CD und brachte sie ins Studio. Dies bedeutete, dass ich mehr Zeit hatte, sie zu hören und zu entscheiden, welche Richtung sie einschlagen sollten. Das war ein ganz interessanter Prozess, denn einige der Demos waren mid tempo Songs, endeten aber als "Up" Dance Tracks. Auf "This Is What You Wanted" gab ich Mark einen sehr elektronisch klingenden Dance Track, zu dem er den Text schreiben sollte. Später änderte ich die Musik in einen dunklen Gitarren orientierten Track, behielt aber dieselbe vocal take, die ihm eine aufregende und unnatürliche Atmosphäre gab. Das gesamte Album ist auf diese Weise entstanden.

Obwohl das Album "We Collide" für neue Fans leichter zu hören ist, bis auf "This Is What You Wanted", gibt es darauf nicht so einen Hit wie in der Vergangenheit, weißt Du, diese Art Song, der in dein Kopf eindringt und den du den ganzen Tag nicht vergessen kannst, wie "Trust You", "Scares Me" oder "Firefly"... "We Collide" erscheint mir eher wie ein allgemeines Album, vielleicht mit einem Konzept. Würdest Du es auch so sehen?

Rich: Umm... Ich bin nicht wirklich sicher. Ich habe mal Kritiken von Leuten gelesen, die geschrieben haben, dass mindestens acht Singles auf dem Album wären... "Wow", war meine erste Reaktion. Es ist schwer zu sagen, da wir es uns auf eine andere Art und Weise anhören als du oder der Zuhörer. Wir haben immer versucht, eher ein gut ausgearbeitetes Album zu schreiben, das uns etwas bedeutet, als sich für ein paar gute Tracks zu entscheiden, die man mit jeder Menge "Scheiße" umgibt, wie es viele Bands machen.

Außer bei "No Place Like Home" oder "Room With A View", reine Wunder, spüren wir weniger Melancholie und mehr Wut, vielleicht Zorn durch das ganze Album. Seid Ihr verärgert? Auf die ganze Welt? (Warum auch nicht, nach allem!) Kämpft Ihr und kollidiert gegen diese Welt der Ungerechtigkeit?

Rich: Es ist ein guter Weg, Dampf abzulassen, in dem man seine Gedanken in Songs aufschreibt und sie dann so vielen Menschen wie möglich kund tut. Aber wer die Wahrheit kennt, weiß, dass wir glückliche Menschen sind. Es gibt zu viel Ungerechtigkeit in der Welt (und in der Musikbranche), daher ist es nur unsere Art zu zeigen, wie wir damit umgehen.

Bezüglich des Covers, warum so ein Bild: eine Pistole und ein Kinderspiel, Himmel-und-Hölle? Warum ist die Pistole auf der Nummer 2? Habt Ihr das Kind in Euch umgebracht?

Rich: Das Cover soll zeigen, dass es bei uns allen eine konfrontierende Seite gibt, selbst in der Kindheit. Manche Leute treffen sich, andere stoßen zusammen.

Neil hat Mesh im September aus persönlichen Gründen verlassen, aber einvernehmlich und wie es scheint, seid Ihr Freunde geblieben. Ihr habt einen neuen Keyboarder, Geoff Pinckney von Alien 6 (Remixer für die "Crash" Single) für Live Auftritte während der "We Collide" Tour und vielleicht noch weitere engagiert. Denkst Du, Ihr werdet ihn als volles Mitglied behalten? Oder versucht Ihr, ein neues Mitglied zu finden? Oder macht Ihr gar nur als Duo weiter?

Rich: Mesh ist immer ein Schreibteam gewesen, das aus mir und Mark bestand und so machen wir auch weiter. Geoff ist für uns ein toller Neuzugang für Live Shows und ich denke, wir sind stärker als je zuvor. Ich glaube nicht, dass wir nach einem Vollzeit Ersatz suchen werden.

Für alle französischen Fans: seid Ihr in Frankreich mal wieder auf Tour? Wann, wo (auf Eurer Seite gibt es noch keine Daten... ;-( )?

Rich: Ahh... Wir würden sehr gerne eine Show in Frankreich geben. Ich glaube, die letzte ist schon ein paar Jahre her mit Apoptygma Berzerk im La Locomotive. Ich denke, eine weitere Show ist schon lange fällig... Ihr hört von uns :-)

Vielen Dank!

Rich: Danke für die Unterstützung und liebe Grüße!

Jean-Marc Ligny, YAEW.com

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