Family Guys

Vor genau zehn Jahren veröffentlichten die Briten von Mesh das Debütalbum "In This Place Forever", und ein folgender Supportslot auf der '98er-Tour von De/Vision brachte damals den Durchbruch in Deutschland. Ihre Single "You Didn't Want Me", melodiöser Electropop in Reinkultur, lief in den Clubs rauf und runter. Schnell erspielte sich die Band eine feste und große Fangemeinde, die seit 2002 sehnsüchtig auf ein neues musikalisches Lebenszeichen des Trios wartet. Mit "We Collide" erscheint nun Ende März einmal mehr eine, wie nicht anders zu erwarten, grandiose Sammlung erstklassiger Popsongs, die allerdings auch einiges an Hintergründigkeit zu bieten haben. In Hamburg trafen wir Mark Hockings, Neil Taylor und Richard Silverthorn zum Interview, und selten sieht man eine Band, die so stark als Einheit auftritt wie Mesh - man merkt, dass die Musiker auch eine lange und starke Freundschaft verbindet, und so gestaltet sich das Gespräch als angenehme Runde über Musik, Produzenten und Rock'n'Roll.

Die Band arbeitete in der Vergangenheit mit den verschiedensten Produzenten zusammen, allerdings hat keiner seine Handschrift nachhaltig auf den Songs hinterlassen; man besteht darauf, möglichst viel selbst zu bestimmen. Im Fall von "We Collide" hat man sich diesmal im Unterschied zu vorherigen Produktionen mit Gareth Jones einen echten Promi für die Co-Produktion an Bord geholt, der unter anderem für Depeche Modes legendärem Album "Some Great Reward" verantwortlich zeichnet. Rich erzählt, wie der Kontakt zustande kam: "Eigentlich war es eine Empfehlung unseres letzten Produzenten. Wir waren uns nicht sicher, da diese starke Verbindung zu Depeche Mode besteht. Für 'We Collide' beschäftigten wir uns intensiver mit den Sachen, die er schon gemacht hat. Er hat so viele unterschiedliche Alben produziert! Bei einem unserer Konzerte in London trafen wir uns das erste Mal und verstanden uns auf Anhieb gut." Insgesamt ist die Meinung der Band über ihren Produzenten sehr positiv, wie Mark ergänzt, denn "er hat sehr viel Enthusiasmus mitgebracht. Wenn wir ihm Dinge erklärt haben, hat er sehr genau zugehört und berücksichtigt, was wir wollten. Wir fanden gut, dass er auch mit vielen Gitarrenbands gearbeitet hat, weil wir niemanden wollten, der nur elektronische Musik produziert."

Diese Einflüsse von außen waren für die Albumproduktion, an der die Band im Vorfeld schon intensiv gearbeitet hatte, sehr wichtig. Rich führt aus: "Man verbringt so viel Zeit im Studio damit, die Songs zu schreiben, und kann irgendwann nicht mehr beurteilen, ob etwas jetzt gut ist oder nicht. Die Tatsache, dass Gareth am Ende der Produktion dazukam, war gut für uns. Er hörte sich die Sachen an und fand sie großartig und meinte, dass er daran auch gar nicht mehr viel verändern würde. Einige Stücke ließen wir also einfach, wie sie waren, bei anderen mischte er sie ein bisschen anders ab." Also legte er nur bei einigen finalen Arbeiten Hand an? "Nein, auch bei ein paar Gesängen", erklärt Mark, "ich bin in sein Londoner Studio gefahren. Wir haben einige der Gesänge neu aufgenommen, weil sie nicht stark genug waren. Es machte viel aus bei den Stücken", und Neil frotzelt: "Er hat Mark in den Hintern getreten!", was mit allgemeinem Gelächter quittiert wird. Mark beendet den Gedanken, "Gareth ist sehr professionell, er lässt dich Passagen dreißigmal singen, bis er zufrieden ist." Dabei sind die drei Bandmitglieder offensichtlich nicht erpicht darauf, anderen am kreativen Prozess beteiligten Leuten allzu sehr die Gewalt über das Ruder zu überlassen. "Wir sind in der Lage, dies kontrollieren zu können, da wir das meiste selbst machen. Wenn man einen Produzenten hat, der sich an den Stücken zu schaffen macht, kann man es hinterher nicht mehr korrigieren, weil es zu teuer wäre. Wir haben den Luxus, wirklich lange an einem Song arbeiten zu können. Es gibt keinen Grund, warum ein neues Album schlechter als das vorherige sein sollte, es sollte immer besser sein. Wenn man andere Leute an sein Material lässt, kann man die Schuld immer denen in die Schuhe schieben", lacht Mark. "Wir haben keine Entschuldigung." Neil fasst dies auf seine eigene Art und Weise zusammen: "Wir sind langsam, aber wir arbeiten hart!"

Die Frage drängt sich unweigerlich auf: Sind die Jungs von Mesh Kontrollfreaks? "Ja!", antwortet Rich wie aus der Pistole geschossen. Neil begründet: " Es hängt auch von den Erfahrungen ab, die man gemacht hat. Wir sind offen dafür, mit den richtigen Leuten zusammenzuarbeiten, aber jedes Mal, wenn wir es bisher probierten, klappte es nicht." Und Mark führt den Gedanken zu Ende: "Es ist auch eine künstlerische Sache. Wenn man ein Bild malt, sucht man sich auch niemanden, der die Farben auswählt. Es ist das gleiche mit der Musik. Man bezieht Leute mit ein, die die Hälfte der Arbeit für einen machen. Und ich sehe keinen Grund dafür. In der Produktion werden Entscheidungen getroffen, die Auswirkungen auf das ganze Album haben, das ist auch kreative Arbeit."

Vergleicht man die Texte der ersten Veröffentlichungen mit denen des aktuellen Albums, so fällt auf, dass diese offener, aber auch weniger zugänglich, vager sind als früher, subtiler und weniger zornig. Mark sieht eine ähnliche Entwicklung. "Sie sind jetzt besser, wenn ich das so sagen darf. Als wir anfingen, wussten wir nicht viel. Damals habe ich über Dinge geschrieben, die mich jetzt nicht mehr interessieren. Und es wird natürlich auch immer schwieriger, über Dinge zu schreiben, über die ich noch nie geschrieben habe, um es für mich selbst interessant bleiben zu lassen." Sein Bandkollege Rich konkretisiert die Aussage: "Es liegt natürlich auch in der Wahrnehmung des Hörers. Wir wissen, worum es in den Songs auf dem Album geht, und es ist ein sehr dunkles Album. Für andere Hörer mag es das nicht sein. Es ist wichtig, dass die Songs so weit interpretierbar bleiben, dass sich auch andere Leute darin wiederfinden können." Ein gutes Beispiel für diese Doppeldeutigkeit liefert "Can You Mend Hearts", ein Song, der auch der Band sehr am Herzen liegt. Kein Wunder, denn es geht hier um kein geringeres Thema als den grausamen Doppelmord an zwei zehnjährigen Mädchen aus der Nähe von Cambridge vor vier Jahren durch ihre ehemalige Lehrerin und deren Lebensgefährten, dem Schulhausmeister. "Das ist das, was ich meine. Es geht darum in dem Song, aber es könnte auch um etwas ganz anderes gehen."
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Den kompletten Artikel könnt Ihr in der Ausgabe 04/06 des Sonic Seducer nachlesen.

Julia Beyer, Sonic Seducer

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