SMesh-Hits!

Erfolg macht nicht nur schön und sexy, sondern auch vieles einfacher! Plötzlich hat man keine Schwierigkeiten mehr, der Plattenfirma ein paar Scheine mehr für den dringend benötigten Produktions-Vorschuss aus dem Kreuz zu leiern, und auch bei PR-Terminen muss man sich in der übernachtungstechnisch sehr ungünstigen Dreier-Konstellation nicht mehr in ein Doppelzimmer zwängen. Das englische Trio Mesh ist auf der Erfolgsskala nämlich mittlerweile so weit oben angekommen, dass auf Reisen längst jeder der drei Synthie-Popper ein Einzelzimmer bekommt. Und das nicht nur, weil Sänger Mark Hockings laut Aussage seiner beiden Kollegen nicht einmal zum Schlafen seine Mütze abnimmt, und Keyboarder Neil Taylor ganz furchtbar schnarcht.

Luxus pur also bei Mesh! Dementsprechend ausgeschlafen sind die drei Engländer dann auch zu unserem sehr unchristlichen Interviewtermin um 8.30 Uhr, bei dem es um ihr neues Album "Who Watches Over Me?" gehen soll. Sichtlich zufrieden mit dem Ergebnis monatelanger Arbeit und vollkommen entspannt stellt sich das Trio meinen Fragen, und es wird schnell klar, dass es bei Mesh nicht die übliche Band-Hierarchie à la Sänger = Sprachrohr gibt.

Zwar ist Frontmann Mark für die Texte verantwortlich und somit natürlich für inhaltliche Fragen zuständig, aber bei allem anderen haben seine Mitstreiter Rich Silverthorn und Neil Taylor ein mindestens ebenbürtiges Auskunftsrecht. Wovon die beiden dann auch reichlich Gebrauch machen. Vor allem Neil kann es offenbar ein endloses Vergnügen bereiten, über die erwähnte Dauer-Kopfbedeckung seines Freundes Mark herzuziehen. "Das ist bei ihm genauso wie bei J K von Jamiroquai: Jeden Tag eine andere Mütze. Und selbst wir, die wir ihn ja oftmals mehrere Wochen am Stück um uns haben, haben ihn noch nie ohne gesehen!"

Mark selbst versteht die Aufregung zwar nicht so ganz, weiß die Sticheleien seiner Kollegen aber sehr wohl richtig einzuschätzen. "Die Mütze ist mein Markenzeichen", sagt er gelassen. "Ich habe damit vor einigen Jahren mal angefangen und bin ihr eben treu geblieben. Wenigstens erkennt man mich und damit auch Mesh sofort!" Das würde aber wahrscheinlich auch ohne Mütze funktionieren, schließlich haben sich Mesh mit ihrer Musik längst etabliert und gehören spätestens seit ihrem letzten Album "The Point At Which It Falls Apart" zur Synthie-Pop-Spitze Europas.

Und weil das neue Werk "Who Watches Over Me?" just dort anknüpft, wo das letzte Album aufhörte, sollte der Erfolg auch hier bereits vorprogrammiert sein. Gravierende musikalische Umwälzungen sollte man daher nicht erwarten, denn das musikalische Konzept ist weitestgehend gleich geblieben, nur die Realisierung und Umsetzung von "Who Watches Over Me?" wirkt und klingt professioneller. Laut Aussage der Band war dafür der Deal mit dem Major-Label Sony natürlich nicht unerheblich und hat Mesh gerade in Sachen Produktion noch mal einen ordentlichen Schub versetzt.

"Wir hatten durch die Kooperation mit Sony natürlich ganz andere Möglichkeiten", bestätigt Neil dann auch. "Ein besseres Studio, mehr Produktionszeit, das alles macht sich natürlich bemerkbar." Selbstverständlich beharrten Mesh - wie alle anderen Acts, die eine Liaison mit einer großen Plattenfirma eingegangen sind - auf der absoluten Eigenständigkeit und kreativen Autarkie ihrer Band. Angesichts des Klangbildes des neuen Albums kann man diesen Worten aber auch durchaus getrost Glauben schenken.

Gänzlich neu war die Erfahrung mit diesen vermeintlich kommerzielleren Strukturen des Musik-Geschäftes für die Jungs aus Bristol allerdings nicht, hat man doch unlängst bereits durch die Zusammenarbeit mit Techno-Produzent Mark'Oh bei der Single "Waves" die andere Seite des Business' kennen gelernt. Eine Episode, aus der man offenbar nicht nur Positives mitgenommen hat; denn auf die Frage, ob man sich im Hause Mesh ein solches Projekt in der Zukunft noch einmal vorstellen könnte, ertönt es unisono: "Lieber nicht!"

Mark bringt dann aber noch ein wenig mehr Licht in die Sache. "Es war für uns in vielfacher Hinsicht eine wertvolle Erfahrung, mit Mark'Oh zusammenzuarbeiten. Wir haben dadurch einen Einblick bekommen, wie professionell man an Musik als Produkt herangehen kann. Was alles möglich ist, nicht zuletzt auch durch das Geld, das dahintersteckt. Ein teures Video? Kein Problem! Das alles ist schon verlockend, aber eben auch etwas oberflächlich. In unserer Musik steckt Seele und sehr viel Gefühl, weil sie von innen kommt und etwas aussagen soll, und sie eben nicht einfach ein beliebiges Produkt ist."

Mark'Oh bzw. seiner Plattenfirma muss jedenfalls auch etwas gestunken haben, sonst hätte man den ursprünglich zwei Singles und ein Album umfassenden Kontrakt wohl kaum vorzeitig gelöst. Am mangelnden Erfolg kann es nur bedingt gelegen haben, schließlich stieg "Waves" bis auf Position 83 der deutschen Charts, für die drei Engländer allemal ein Erfolg. Vielleicht ja auch deshalb kein uneingeschränkter Blick zurück im Zorn?!

Fortan jedenfalls hat man sich auf sein eigenes Ding konzentriert, Kooperationen mit namhaften Künstlern - egal aus welcher musikalischen Ecke sie kommen - steht man eher skeptisch gegenüber. So wird man auf keiner Mesh-Maxi einen Remix finden, der von den üblichen Verdächtigen der Synthie-Szene angefertigt wurde. Auf der neuen Single "Leave You Nothing" ist das nicht anders. "Meistens gefallen uns unsere Songs so gut, dass wir sie gerade selbst noch mal remixen", verrät Mark lachend. Und ergänzt: "Für uns ist es ganz wichtig, dass ein Remix noch die ursprünglichen Elemente des Originals enthält. Und das ist bei vielen Remixern einfach nicht der Fall. Denen geht es oft nur darum, einen möglichst tanzbaren Clubhit aus der Nummer zu machen! Das gelingt ihnen zwar auch, aber wenn wir uns in diesem Mix nicht wiederfinden, ist er für uns wertlos."

Und so haben Mesh bei "Leave You Nothing" zwei völlig unbekannte Acts an die Regler gelassen. Snare aus England und einen Mann namens Jörgen Meyjer aus Finnland. "Diese beiden Bands sind von sich aus auf uns zugegangen und haben uns gefragt, ob sie einen Remix für uns machen dürften, da sie Fans unserer Musik seien", erzählt Rich. "Das war natürlich eine ideale Ausgangsbasis, da wir sicher sein konnten, dass sie ein Gefühl für unsere Musik haben und den Flow des Songs am Leben erhalten werden. Und so war es dann auch!" Die Echtheit dieser Aussage kann demnächst von allen Zweiflern auf der Vorab-Maxi "Leave You Nothing" nachgeprüft werden!

Nun wissen wir also, dass Gefühl offenbar die eine Säule der Musik von Mesh ist, gibt es noch eine zweite? Kurzes Schweigen ... "Freundschaft!" entfährt es Neil plötzlich. Die beiden anderen stimmen zu. "Ohne ein gutes Verhältnis zueinander wäre die Musik und die Band Mesh gar nicht möglich", bestätigt Mark. "Mittlerweile ist es zwar so, dass wir unsere Zeit mehr aus geschäftlichen Gründen - nämlich der Musik - miteinander verbringen, aber die Basis dafür ist auf jeden Fall unsere lange Freundschaft."

Rich ist sich sogar sicher, dass "es überhaupt nicht funktionieren kann, wenn man sich nicht gegenseitig schätzt und respektiert. Nimm nur mal die Situation, wenn du auf Tournee bist und mehrere Wochen zum Teil auf engstem Raum miteinander verbringst. Wie soll das gehen, wenn du deinen Gegenüber eigentlich überhaupt nicht ausstehen kannst?" Nun, es gibt Gegenbeispiele! Bands, die nur noch aus rein geschäftlichen Interessen zusammenarbeiten, um die Band, die Marke, die sie repräsentieren, am Leben zu erhalten, um damit noch möglichst viel Geld zu machen (Namen bleiben an dieser Stelle besser unerwähnt, da der Verfasser nur geringfügige Lust verspürt, von geschäftstüchtigen Managern zu einer Gegendarstellung in der nächsten Ausgabe genötigt zu werden.).

Für Mesh jedenfalls will Mark einen solchen Status Quo kategorisch ausschließen. "Spätestens wenn es an das Schreiben neuer Songs geht und die beiden anderen geben dir ihre Demos eines neuen Tracks, wirst du doch automatisch sagen, dass er scheiße ist, nur weil du ihnen keinesfalls Anerkennung oder gar Lob für ihre Arbeit zollen willst."

Für Mesh jedenfalls war es hilfreich, dass seit dem Tage der Bandgründung im Jahr 1992 auch freundschaftliche Bande im Spiel waren. Anders hätte man die schweren Anfangsjahre wohl kaum überstanden und wäre zudem kaum bereit gewesen, mit unermüdlichem Einsatz und eigenen Ersparnissen die Band am Leben zu erhalten. Dies zahlt sich heute aus. Denn allmählich fährt man die Früchte dieser harten Jahre ein. So sind die drei Engländer seit letztem Januar in der beneidenswerten Situation, hauptberufliche Musiker zu sein, was ja bedeutet, dass sie inzwischen offenbar ganz gut über die Runden kommen.

"Es ist ein Versuch", konstatiert Rich, der bis vor kurzem noch Elektriker war. "Wir können jederzeit zurück, was aber nicht unbedingt heißt, dass wir auch scharf darauf sind. Durch den Deal mit Sony können wir natürlich etwas ruhiger schlafen. Wir wissen, dass "Who Watches Over Me?" gut promotet und auch überall erhältlich sein wird." Dennoch bezieht sich der Titel des Albums natürlich nicht auf die Plattenfirma, hat er doch im weitesten Sinne mit den positiven und negativen Ausprägungen von Liebe zwischen zwei Menschen zu tun. Also einerseits die Fürsorge, andererseits das Kontrollieren. Beides Aspekte, die in jeder Durchschnittsbeziehung eine wichtige Rolle spielen.

Mark stimmt zu: "Trotzdem würde ich sagen, dass das Album insgesamt eine eher positive Ausrichtung hat. Die zuversichtliche Stimmung von Songs wie "Friends Like These" überwiegt einfach." Wer die Texte nicht kennt oder versteht, wird ohnehin Probleme haben, zwischen deprimierenden und optimistischen Liedern zu unterscheiden. Schließlich ist allen Mesh-Songs eine gewisse Grundmelancholie zu eigen. Eine Masche, um schmachtende Frauenherzen für sich zu gewinnen?

"Ich glaube schon, dass unsere Musik von mehr Frauen als Männern gehört wird", sagt Neil und gibt sogleich zu, dass bei dieser Aussage durchaus der Wunsch Vater des Gedankens ist. "Aber im Ernst: Auf unseren Konzerten sind die männlichen Besucher eher unterrepräsentiert. Vielleicht haben Männer eben doch mehr Probleme mit Gefühlen, egal, ob sie sie nun selbst zeigen müssen oder ob sie von anderen gezeigt werden." Aber könnte nicht genau das ein Grund dafür sein, dass Mesh besonders in der Gothic-Szene so viele Fans haben?

"Absolut!" ist sich Neil sicher. "Wir haben uns selbst auch schon oft gefragt, warum unsere Musik gerade bei den Gothics und Dark-Wavern so gut ankommt, schließlich unterscheiden wir uns schon rein äußerlich doch extrem von dieser Szene. Aber irgend etwas muss es ja sein, das die Leute veranlasst, zu unseren Konzerten zu kommen."

"Ich glaube, dass viele Gothics sehr introvertiert sind und sich mit ihren Gedanken und Gefühlen in unseren Liedern wiederfinden", ist sich Mark sicher. "Nicht umsonst werden wir immer wieder für Gothic-Festivals gebucht, teilweise sogar als Headliner. Und da wir selbst ja auch sehr offen für die verschiedensten Szenen sind, gibt es da keinerlei Berührungsängste."

So ausgeglichen und unverkrampft Mark, Neil und Rich in unserem Gespräch rüberkommen, so klingt auch ihr neues Album. "Who Watches Over Me?" präsentiert sich wie aus einem Guss und macht auch deswegen den Eindruck, dass hier jemand genau wusste, was er tut. "Ein Album aufzunehmen ist wie einen Film zu drehen", erklärt Neil. "Du musst darauf achten, dass alles stimmig ist und die richtige Reihenfolge hat. Und genau das haben wir bei "Who Watches Over Me?" versucht."

Versuch geglückt. Mitverantwortlich dafür sind die instrumentalen Einschübe, die man hinter manchem Song platziert hat. "Nach temporeicheren Songs wie "Little Missile" und "What Does It Cost You" braucht der Hörer einen Moment der Ruhe, bevor er bereit ist für das nächste Lied", ist sich Mark sicher. "Wir arbeiten schon seit unserem ersten Album mit diesen Übergängen, und es hat sich bewährt!" Wie übrigens die gesamte Arbeitsweise der drei Bristoleros. Denn nicht nur seinen musikalischen Stil hat man im Laufe der Jahre erst gefunden und dann perfektioniert, auch das Drumherum hat sich stetig entwickelt.

So liegt beispielsweise auch das gesamte graphische Konzept in den Händen von Mesh, man liefert nicht nur die Vorgaben für das Booklet, auch die Fotos macht man selbst. Nur dann kann man schließlich sicher sein, dass das Produkt stimmig ist. Nicht von ungefähr ziert etwa bei einem Album mit dem Titel "Who Watches Over Me?" ein Wachturm das Frontcover. "Dieses Foto habe ich aus einem fahrenden Bus heraus geschossen, als ich in Seattle war", erinnert sich Chefgraphiker Neil. "Der Turm steht auf dem Gelände, auf dem Boeing seine Flugzeuge baut. Es ist ein riesiges Areal, und viele Gebäude dort stehen leer, so auch dieser Turm. Damals wusste ich natürlich noch nicht, dass wir für dieses Bild einmal Verwendung haben würden. Um so glücklicher bin ich jetzt, dass ich es seinerzeit gemacht habe."

Und die Fans wohl auch. Nicht auszudenken, wenn sich die Veröffentlichung von "Who Watches Over Me?" nur deshalb verschoben hätte, weil man kein passendes Cover gehabt hätte...

Marc Urban, Zillo

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