Die englische Band MESH muß man wohl keinem mehr vorstellen. Spätestens seit dem letzten Album "The Point At Which It Falls Apart" und dem damit zusammenhängenden Rattenschwanz an Promoaktivitäten und Liveauftritten sind Mark Hockings, Rich Silverthorn und Neil Taylor in fast jedem Synthiepop Herzen angekommen. Die Tour zum Album wurde sogar mitgeschnitten und als Live CD plus Video veröffentlicht. Seit damals ist einiges passiert und nun steht die Veröffentlichung ihres bisherigen Meisterstücks an. Das neue Album "Who Watches Over Me?" ist fertig und wird den Jungs wohl den lange verdienten großen Durchbruch verschaffen. Was die drei so alles zu erzählen haben, könnt Ihr im folgenden Interview lesen, was ich im Februar in Hamburg bei Public Propaganda geführt habe.

Inzwischen sind drei Jahre ins Land gegangen, seit das letzte Studioalbum von Euch rauskam. Wann habt Ihr mit der Arbeit zum neuen Album begonnen?

Mesh: Die Aufnahmen zum neuen Album begannen eigentlich schon im Jahre 2000. Durch einige Liveauftritte zögerte sich das dann aber immer wieder hinaus. Im Januar 2001 gaben wir alle unsere Jobs auf, da wir einen großen Plattendeal bekamen und nun quasi Vollzeitmusiker sind.

Die Presseinfo zu Eurem neuen Album beginnt mit einer sehr interessanten Information. Dort ist zu lesen, daß auf einem Eurer letzten Konzerte in London sogar mal Depeche Mode anwesend waren und Gefallen an Eurer Musik bekundet hätten. Stimmt das?

Mesh: Ja, das stimmt. Martin Gore und Dave Gahan waren da. Wir hatten aber keinen Kontakt zu ihnen. Trotzdem war es eine große Ehre für uns. In der Vergangenheit haben wir aber auch schon Backstage Besuch von Robbie Williams und Marc Almond bekommen.

Das neue Album heißt "Who Watches Over Me?" (If I watch over you), eine typische alleinstehende "Mesh" Phrase. Was bedeutet der Titel?

Mesh: Der Satz stammt aus einem Zwischenstück des Albums, das als allerletztes entstand. Generell spiegelt der Satz die Thematik des Albums wieder. Es geht um unterschiedliche Typen Menschen und wie sie in unterschiedlichen Zusammenhängen Rollen in deinem Leben spielen können. Die Frage ist durchaus wörtlich zu nehmen: gibt es jemanden, der nach mir schaut, der sich für mich interessiert? Diese Frage stellt sich jeder sicher nicht nur ein Mal im Leben. In diesem Zusammenhang steht auch die Wahl des Coverfotos. Man sieht hier einen Wachturm auf dem Boeing Gelände in Seattle.

Haben diese kurzen Phrasen generell eine Bedeutung im gesamten Mesh Kontext? Ich denke hierbei z.B. an dieses "Say it doesn't matter", ein Satz aus dem Song "I Fall Over" auf einem Eurer letzten T-Shirts?

Mesh: Wir merken, daß diese kurzen Phrasen den Hörer zum Nachdenken anregen und das sollen sie auch. Sie regen an, über die Thematik eines Songs nachzudenken oder vielleicht einfach nur den Song zu suchen, in dem der betreffende Satz vorkommt.

Nun zum Album an sich. Welcher Song gefällt Euch persönlich am besten und warum?

Rich: Ich mag derzeit "The Trouble We're In" am liebsten. Es ist ein sehr emotionales Stück. Man sieht als Musiker die Stücke ja sowieso aus einem ganz anderen Blickwinkel, da man den ganzen Reifeprozess vor Augen hat. Man sieht es unter dem technischen Aspekt, was klingt gut, was schlecht, ist der Sound zu laut, der Gesang zu leise, wie auch immer.

Mark: "Little Missile", weil es rundherum anders klingt als die Sachen, die wir normal machen. Generell haben wir versucht, das Album so abwechslungsreich wie möglich zu halten und ich denke, das ist uns ganz gut gelungen.

Neil: "I Can't Imagine How It Hurts"! Das Lied hatte schon in der Demoversion die meiste Energie und es ist für mich neben "Little Missile" das beste Stück des Albums!

Um dieses Thema abzuschließen: einer meiner Lieblingssongs ist "Four Walls". Beim ersten Hören empfand ich diesen Song als den bisher Mesh untypischsten. Er wirkt sehr kommerziell auf der einen Seite und verbreitet auf der anderen Seite aber auch eine gediegene Atmosphäre wie seinerzeit z.B. "Not Prepared"...

Mesh: Die Stimme ist in diesem Song sehr "nah", daher wohl dieser Effekt. Dieser Song hat sich im vergleich zur Demoversion am meisten verändert von der ganzen Atmosphäre her. Das Piano ruft eine sehr relaxte Atmosphäre hervor. Es ist übrigens das einzige Stück, was in Bristol gemixt wurde.

Was könnt Ihr über den Text dieses Songs erzählen?

Mesh: Der Text handelt von der eigenen Erfahrung, wie es ist, in einer Band zu sein, die ständigen Rechtfertigungen, warum man da steht, wo man ist. Daß es kein Glück war, sondern harte Arbeit. Erfolg stellt sich nicht zwangsläufig ein. Es gibt genügend Musiker, die bis dato nicht das geschafft haben, was wir mittlerweile vorweisen können.

In der Presseinfo wird Eure Musik als clevere Kombination aus klassischem Wavepop und modernen Elementen beschrieben. Das trifft es wohl ganz gut auf den Punkt, vor allem frage ich mich immer, wie Ihr es schafft, diese fantastischen Hooklines hervor zu zaubern...

Mesh: Das fragen wir uns auch immer... (alle lachen). Das ist einfach ein Gefühl, was beim Schreiben entsteht. Man kommt schnell an einen Punkt, wo man merkt: das kann funktionieren! Wir haben alle drei glücklicherweise die gleichen musikalischen Interessen. Insofern ist es relativ unkompliziert, sich auf ein Ding zu einigen.
Wir können, ohne arrogant klingen zu wollen, von unserer Musik behaupten, daß sie einen ziemlichen Tiefgang hat. Chartmusik hat dagegen einen recht hohen Abnutzungsfaktor. Viele Leute, denen wir unsere Musik vorspielen, sagen beim ersten Hören oft: ach, ich weiß nicht so recht. Und Monate später kommen sie wieder und sagen: Mensch, das ist das beste, was ich je gehört habe! Ich finde, das spiegelt das Ganze recht gut wieder. Eine kommerzielle Platte zeichnet sich dadurch aus, daß man nach dem ersten Hören alle Bestandteile kennt und es schnell langweilig ist. Bei uns ist das aber offensichtlich (zum Glück!) nicht so, weil mehr Augenmerk auf das Detail gelegt wird. Ein großer Vorteil ist auch, daß wir im Studio nicht unter Zeitdruck stehen. Wir haben unser eigenes Studio und können so lange an den Songs rumfeilen, wie wir wollen.

Welcher Song in der Mesh Historie hat denn die meiste Zeit in Anspruch genommen, was das Aufnehmen angeht?

Mesh: "The Damage You Do" vom letzten Album! Es gab bei keinem Song davor und danach so viele Versionen und Lyrics, aber am Ende des Aufnahmeprozesses zum Album machte es dann auf einmal "klick" und wir wußten, das ist es, warum haben wir das nicht gleich so gemacht... Auf dem neuen Album war es "Friends Like These". Der Song war echt ein Krampf! Wir schafften es nicht, daß er so klang, wie wir wollten, sogar in der Demo Version! Peter (der eine Produzent) schaffte es dann schließlich, dem Song das Gewand zu verpassen, das er haben sollte. Die beiden Produzenten waren wirklich eine gute Wahl. Sie arbeiteten mit großem Enthusiasmus an dem Album und wir können uns auch gut vorstellen, wieder mit ihnen zusammen zu arbeiten!

Ihr habt ja nun eine neue Plattenfirma, ein sogenanntes Major Label! Was hat sich dadurch für Euch verändert?

Mesh: Wir müssen mehr Interviews geben! (lachen) Home Records steht total hinter uns. Wir haben uns immer kurzgeschlossen, welche Versionen denn nun auf das Album kommen. Durch die Nähe zu Columbia und Sony stehen nun auch weitaus mehr Ressourcen für Promoaktivitäten zur Verfügung. Dadurch können wir automatisch viel mehr Leute erreichen.

Vielleicht ebnet man Euch ja damit auch den Weg als Support für einen großen Act wie die anfangs erwähnten Depeche Mode?

Mesh: Das würde uns persönlich nicht reizen! Wir möchten auf eigene Faust bekannt werden und sehen keine Herausforderung darin, einen Act dieser Musikkategorie zu supporten. Die Plattenfirma würde das zwar wohl ganz anders sehen, aber unsere Vorstellung, wie es in Zukunft weitergehen soll ist das sicher nicht!

Könntet Ihr Euch denn in Zukunft vorstellen, Euren musikalischen Stil zu wechseln, z.B. vom jetzigen Synthiepop zum reinen Gitarrensound o.ä.?

Mesh: Wir haben unseren Stil im Laufe der Jahre schon geändert! Auch auf dem aktuellen Album findet man verschiedene Stile, aber wir fühlen uns wohl, mit dem, was wir tun. Für uns ist es auch eine Frage, wie wir die Fans ansprechen wollen und nicht zuletzt die immer neu auftauchende Kombination von Stimme und Musik und was der Produzent nachher daraus macht. Hier spielen also einige Faktoren mit, die den eigenen Stil beeinflussen können. Den krassen Schritt, nur noch Gitarrenmusik zu machen, können wir uns eher nicht vorstellen, da unsere Fähigkeiten im Programming und den Synthesizern liegen. Viele Songs entstehen zwar auf der Gitarre, so würde aber nie das Endprodukt aussehen. Wir stehen zu dem, was wir machen, auch optisch. Wir möchten uns niemals eine Maske aufsetzen, nur um in ein gewisses Schema zu passen.

Ende April startet die Tour zum neuen Album. Was wird uns da erwarten?

Mesh: Wir werden viele Songs für die Show nochmal remixen. Wir denken auch über Diaprojektionen oder Videos nach. Es gibt da einige Ideen, aber noch nichts wirklich spruchreifes.

Vielen Dank an die Band für das nette Interview sowie an Eric und Nina (Public Propaganda), daß sie das Interview ermöglicht haben. Abschließen möchte ich mit einem Zitat aus der Werbeanzeige zu "Who Watches Over Me?":

WHO WATCHES OVER ME? ist das selbstbewußte Statement einer äußerst talentierten Band mit traditionellem Bewußtsein und innovativem Geist, die jetzt schon zu den Großen des Genres gehört!

Dem ist nichts mehr hinzuzufügen!

Christian Fraude, SUR-FACEmagazin

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