Melancholic PopIndustrial

Am 08. April erscheint das dritte Fulltime-Album von mesh. "Who Watches Over Me?" wird das gute Stück heißen und setzt die musikalische Entwicklung der drei sympathischen Engländer (Bristol) konsequent fort, was um so erfreulicher ist, da in der Zwischenzeit seit "The Point At Which It Falls Apart" (1999) hartnäckig das Gerücht kursierte, "Mark Oh" würde das Album produzieren. Das blieb aus und so klingt "Who Watches Over Me?" wieder wunderbar warm, intensiv und melancholisch so wie man mesh kennt und mag. In den gut produzierten Songs werden wiederum harte und weiche Elemente in Harmonie gebracht. "Retaliation" wird für Wirbel auf den Tanzflächen sorgen und "The Trouble We're In" erzeugt herrliche Schauer und hinterlässt beim Hörer eine tiefe Nachdenklichkeit. "Leave You Nothing", ein midtempo Dancetitel, hakt sich ganz besonders im Ohr fest. Eine großartige Band, die seit ihrer ersten Single "You Didn't Want Me" (vom Album "In This Place Forever", 1996) bereits in ganz Europa Erfolge feiert. Im Mai werden mesh einige Konzerte in Deutschland geben, auf die man sich schon freuen darf. Mark, Richard und Neil sitzen mir am Telefon gegenüber...

Vergleichbar mit NIN genießt Ihr ein hohes Ansehen quer durch die verschiedensten Gegenden der Musiklandschaft und das mitunter in der Gothic-Szene. Wundert Euch das?

Mesh: Gerade bei den Gothic-Leuten sind wir natürlich schon überrascht und es freut uns. Wir sind nicht Gothic-like gekleidet und entdecken bei unseren Konzerten doch immer etliche Gothics im Publikum.
Ich weiß nur, dass die Leute letztendlich mehr an den Inhalten der Musik und auch der Texte interessiert sind, als am Image, das drum herum mitangeboten wird. Ich glaube, das zieht einen Teil des Schwarzen Publikums an; sie wollen dahinter schauen und nicht nur darauf. Diese Art von Interesse schmeichelt uns. Dann haben wir auch EBM-Fans, die auf die Musik stehen, obwohl sie nicht so hart elektronisch ist. Andererseits besuchen auch Leute unsere Konzerte, die eindeutig keiner Szene angehören und lediglich der Musik wegen da sind. Das ist ein bunter Haufen.

Eure Musik ist sehr studiogeprägt. Wie wichtig sind Euch Live-Auftritte und die Reaktionen, die Ihr darauf erhaltet?

Mesh: Nun, in erster Linie genießen wir Auftritte für uns selbst. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, wenn du deine Songs vor anderen Leuten darbietest. Und dann sind natürlich die Reaktionen des Publikums interessant, gerade weil es sich so unterschiedlich zusammensetzt. Grundsätzlich muss ein Song live-aufgeführt noch einen anderen Anspruch erfüllen, als auf einem Album, das du daheim oder in Ausschnitten in Clubs hörst. Das direkte Erleben spielt eine große Rolle und der Trick ist, glaube ich, dass es den Leuten auf und vor der Bühne Spaß macht. Da scheint dann durch, wie lebendig ein Lied in sich ist und das Publikum merkt es.
Da die Songs live regelrecht leben müssen, wird auch jede Show irgendwie anders sein. Vor dem Hintergrund, dass dabei eigentlich immer etwas schief laufen kann, wird jeder Gig automatisch zum Kick und somit zum Genuss.

Da bleibt man wach... Geht Ihr so weit, dass Ihr neue Songs live spielt, bevor der Mix für's Album gemacht wird, um zu sehen, wie sie funktionieren?

Mesh: Wir haben das in der Tat mit "Razorwire" vom neuen Album gemacht. Den Track haben wir bei Auftritten gespielt, bevor er letztendlich aufgenommen wurde. Das hatte aber hauptsächlich den Grund, dass "Razorwire" bereits als erster Song fertig war und wir mal aus dem Studio raus mussten, um wieder unter Leuten zu sein. Wir testen die Songs also nicht zuerst bei Auftritten, weil die Reaktion nichts an den Songs ändern würde.

Das wäre dann wahrscheinlich auch schwierig geworden, wenn "Mark Oh" das Album produziert hätte, wie es lange hieß.

Mesh: Oh, ja. Wir hatten mit "Mark Oh" nur die "Waves"-Single zusammen gemacht, was eine Art Projekt sein sollte. Denn was er macht, ist ja ziemlich verschieden zu dem, was wir normalerweise machen.

Dann kam der Kontakt zum Major "Columbia" auch nicht über diese "populäre" Fusion.

Mesh: Nein, nein. Die Möglichkeit entstand anders. Wir hatten unsere neuen Songs wie seit 1992 in unserem "Urban"-Studio in Bristol aufgenommen, gemischt und produziert und haben bei "Home Records" gesignt. Die haben einen guten Draht zu den Leuten bei der "Columbia" und so sind wir in der glücklichen Lage, ein relativ unabhängiges Label zu haben und gleichzeitig einen Major-Vertrieb, der auch einen großen Teil der Promotionarbeit übernimmt.

Habt Ihr mit diesen neuen Möglichkeiten mal daran gedacht, Euer eigenes Label "Tolerance Records" wieder zu beleben, um selbst andere Bands zu signen, produzieren und zu veröffentlichen?

Mesh: Bislang noch nicht, eine Möglichkeit wäre das allerdings... "Tolerance Records" war für uns damals in erster Linie nur das Vehikel, um unsere eigene Musik heraus zu bringen. Die "Fragile"-EP brachten wir damit im August 1994 als ersten Mesh-Release heraus. Die Zweitauflage davon erschien ja dann ein Jahr später schon beim schwedischen Label "Memento Materia". Man wird also sehen, was die Zukunft bringt.

Mark, Deine Texte sind meines Erachtens ein wesentlicher Aspekt des Erfolgs und sie bewegen sich in einer Du-und-ich-und-wir-Ebene, sie sind damit sehr auf Nähe angelegt, Dein Gesang fördert diesen Eindruck zusätzlich. Dennoch lässt Du genug Freiraum in den Texten, dass sie teilweise sogar sozialkritisch wirken. Steuerst Du das bewusst?

Mark: Das lege ich absichtlich so fest, da hast Du recht. Ich finde, dass der ideale Song gleich mehrere Dinge bedeuten könnte und nicht nur genau über einen einzigen Inhalt verfügt. Wenn mich also jemand fragt, was dieser oder jener Text für mich ausdrückt und er dann sagt, dass das auch ihn durchkommt, freut mich das ebenso, wie wenn mir jemand selbst einen ganz anderen Inhalt aus einem Text herausliest. Deshalb sollte ein Text eigentlich immer offen angelegt sein, für mich jedenfalls, allzu offen jedoch auch wieder nicht, weil Du Dich dann nur noch in Bildern bewegst und zu sehr von außen betrachtest. Da gibt es eine feine Grenze in der Offenheit. "Rage Against The Machine" müssen natürlich spezifischer bei ihren Texten sein, da sie ja polarisieren wollen und ein gesellschaftspolitisches Anliegen direkt transportiert werden soll. Ich artikuliere mich lieber aus einer persönlichen Perspektive heraus, was beinhaltet, dass ich dem anderen auch etwas Platz einräume.

Im finalen Track "The Trouble We're In" des neuen Albums, schreibst Du "It's the sleep that I lose, it's a lifetime spent avoiding the news". Ist das der Song, der unter zeitgeschichtlichem Vorzeichen auch als letzter für das Album entstand, jetzt da die Nachrichten in jedermanns Leben einschlugen, bzw. jeder etwas davon zu spüren bekommt, was sich nicht wegdenken lässt.

Mark: Diese Zeile mag ich auch sehr, weil sie für mich zusammenfasst, dass man seinen Kopf eben nicht einfach in den Sand stecken kann. Ich hatte den Text allerdings bereits geschrieben, bevor die Probleme nach dem 11. September anfingen. Wenn sich jemand einbilden möchte, alles sei großartig und geht doch gut, dann kann er das nicht tun, nur indem er sich keine Nachrichten ansieht. Auf der anderen Seite wird sich dieser Jemand nur so fühlen können, weil wiederum andere in einer Art auf ihn aufpassen, bzw. sich um Probleme kümmern, damit sie nicht auf allem und jedem lasten.

"Four Walls" in der Mitte des Albums fällt beim gesamten Durchhören der CD aus der Reihe, da es musikalisch sehr minimalistisch angelegt wurde.

Mesh: Das hat zwei Gründe. Zum einen ist es ein &qout;Aufatmer" zur Halbzeit des Albums, wenn Du so willst. Zum anderen hatten wir davon auch eine Version, die voll orchestriert ist und wie die anderen Songs elektronisch klingt. Der Text verlangt allerdings regelrecht nach größtmöglicher Nähe und so haben wir uns entschlossen, die Stimme in den Vordergrund zu setzen und von der Musik nur das Notwendigste, die Grundidee darin zu behalten.
So verfahren wir auch mit unserer Musik im allgemeinen. Die Songs sollen eine Nähe zum Hörer aufbauen. Wenn Du ältere Sachen von uns anhörst, merkst Du ja auch, dass wir daran noch nie viel geändert haben. Mit neuen Songs wird nur unsere Fähigkeit, die Maschinen zu bedienen, besser und das bringt das Ganze voran. Unser Ziel ist die Nähe, deshalb wäre es auch falsch und ein wenig arrogant, wenn wir Grundsätzliches an unserer Musik für neue Songs ändern würden, nur weil wir uns vielleicht in der Lage dazu befinden. Ein Song wie "Four Walls" wirkt auf die Weise, wie er auf dem Album ist, am nähesten. Nähme man das weg, in dem man mehr dazu gibt, wäre es nicht mehr Mesh.

Martin Sprissler, Gothic

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