Spätestens seit dem Off-Beat-Festival 1997 sind "Mesh" in der Electronic-Szene keine unbekannten mehr, und besonders seit dem Club-Hit "You Didn't Want Me" gehört die Band zu den großen Namen auf dem Gebiet der elektronischen Musik. Die Veröffentlichung des neuen Albums steht kurz bevor, und wir nutzen die Gelegenheit zu einem Interview mit Mark Hockings, dem Sänger und vielleicht auch dem Kopf hinter der Band.
Viel Spaß!

Kannst Du für alle, die MESH vielleicht noch nicht kennen, kurz die Band-Geschichte zusammenfassen, und erklären, welche Art von Musik Ihr macht?

Mesh: Mesh haben sich 1992 in einem kleinen Club, "The Bristol Bridge" in Bristol gegründet. Richard (Silverthorn) trat dort als Keyboarder einer Band auf. Mark (Hockings) hatte ein Poster der Band in der Kantine der Fabrik gesehen, in der er damals arbeitete und ging zum Konzert. Danach haben sie sich unterhalten und später einige Demo-Stücke zusammen aufgenommen. Eigentlich spielte Mark auch Keyboard in einer Band, übernahm aber den Part des Sängers, weil kein anderer zur Verfügung stand und er schon vorher die Background-Vocals übernommen hatte.
Neil war mit Rich befreundet und spielte ebenfalls Keyboard. Die drei gründeten Mesh, und aus den Demo-Tracks wurde irgendwann die EP "Fragile". Zu den ersten Demo-Tracks gehörten auch "Hurt" und "Headstone", die vier Jahre später auf der "Fragile-EP" in den USA veröffentlicht wurden. Der Sound von MESH ist zwar sehr Synthesizer-lastig, trotzdem auch gefühlsbetont. Die Musik klingt mal hart, mal weich, aber nie falsch. Es kommt dabei immer ein Lied raus. Die Musik von Mesh ist beeinflußt von dem ganzen Electronic-Genre, aber auch von nicht-elektronischer Musik. Doch inzwischen haben wir auch unseren ganz eigenen Mesh-Sound geschaffen.

Ihr seid jetzt bei dem schwedischen Memento Materia unter Vertrag, mit Band-Kollegen wie der schwedischen EBM-Band "Covenant", und in vielen Zeitschriften erscheint Ihr unter der Rubrik "Underground Music" (Electronic-, Synthi-Pop). War das Eure Absicht, oder hat sich das einfach in den letzten Jahren dahin entwickelt? Wie steht Ihr zu dem oft betonten Gegensatz zwischen "Underground" und kommerzieller Musik?

Mesh: "Kommerzielle" Musik heißt, daß im Hintergrund eine Menge Geld steht. Und wenn man Geld in eine Sache steckt, geht man nicht gern ein Risiko ein. Die Leute kaufen gerne diese Art von "sicherer" Musik, vielleicht, weil man sie dabei nicht mit irgendwelchen unbequemen Sachen konfrontiert.
Bevor wir bei Memento Materia unterschrieben, hatten wir auch Verhandlungen mit einigen großen Firmen, aber die wollten alle, daß wir unsere Musik anpassen. Aber das hätten wir kaum geschafft, ohne unseren ganz eigenen Stil dabei aufzugeben. Auch wenn wir mit MM schon einige Auseinandersetzungen hatten, die haben uns nie vorgeschrieben, wie unsere Musik zu klingen hat. Das ist für uns sehr wichtig. Wir wollten zwar nicht unbedingt von Anfang an zu ihnen, aber es funktioniert so ganz gut. Der Preis der Freiheit ist, daß wir einfach länger brauchen, bis wir das erreicht haben, was wir wollen.
Und was wir wollen, ist, auf der Erfolgsleiter ganz nach oben zu klettern, dahin, wo das große Geld ist. Aber nicht ohne unsere loyalen Fans dahin mitzunehmen. Einige Leute fühlen sich nicht wohl dabei, wenn "ihre" Band irgendwann von so vielen Leuten gehört wird, wenn sie nicht mehr zum Underground gehören, und kaufen ihre Platten nicht mehr. Solche wird es immer geben, und da kann man wohl auch nichts machen. Wenn "Underground" bedeutet, daß wir von unserer Musik nicht leben können, dann wollen wir nicht unbedingt dazu gehören. Im Moment sind wir wohl "Underground", aber wir kämpfen uns nach oben. Und da wollen schließlich alle Bands sein, und wer dir was anderes erzählt, lügt. Jeder will Erfolg haben. Klar gibt es viel Müll bei der kommerziellen Musik - genauso wie beim "Underground"- nur gibt es davon einfach mehr, und sie ist technisch besser.

Eine deutsche Zeitschrift hat Eure Musik als "Electronic-Pop" beschrieben und meinte, der sei ja inzwischen veraltet, v.a. in Großbritannien. Wie ist die Resonanz in anderen europäischen Ländern?

Mesh: Wenn "Electronic-Pop" heißt, Pop-Musik, die elektronisch hergestellt ist, stimmt die Bezeichnung. Wer MESH wirklich kennt, findet unsere Musik ganz bestimmt nicht veraltet. Unsere Absicht war es nie, die Vergangenheit wieder aufleben zu lassen. Daran sind wir einfach nicht interessiert. Wir nutzen die modernste Hardware und Software, um damit etwas Bleibendes zu schaffen. Bei einem schlechten Song nützen auch gute Drums oder ein ausgefeilter Bass-Akkord nichts. Irgendjemand wird immer besser klingen als man selbst. Es kommt immer darauf an, ob sich jemand wirklich die Mühe macht, unsere Musik genau anzuhören.
Genauso könnte ich sagen: Brit-Pop klingt alles wie die Beatles, oder jeder, der einen Synthesizer benutzt hat das von Kraftwerk - das ist doch alles veraltet. Auf den ersten Blick scheinen die Einflüsse auf unsere Musik offensichtlich. Aber die Leute, die unsere Musik kaufen, sehen sehr wohl das Individuelle daran. Der Beweis sind die hunderte von Briefen aus der ganzen Welt, nicht nur aus Europa oder den Staaten. Sie mögen uns, weil wir etwas bieten, was kein anderer hat.

Ihr wart mit De/Vision auf Tour. Wie hat das Publikum auf Euch reagiert, war die Tour ein Erfolg?

Mesh: Die Tour war cool. De/Vision sind echt gut drauf. Ich denke, die Leute mochten uns. Jedenfalls haben wir auf der Tour jede Menge Platten verkauft. Ob wir den Leuten wirklich gefallen, wird sich herausstellen, wenn wir wieder in Deutschland sind, um unsere neue Platte zu promoten.

Gibt es Unterschiede im Publikum in den verschiedenen Ländern?

Mesh: Sogar große Unterschiede. Wenn du zum ersten Mal in Großbritannien auftrittst, sind die Leute sehr reserviert. Kaum einer tanzt, aber nach jedem Lied wird geklatscht. In Deutschland ist das Publikum ähnlich, wenn auch nicht ganz so reserviert. In Osteuropa scheinen die Leute offener, ziemlich schnell fangen sie an zu tanzen. In Skandinavien geht das Publikum von Anfang an mit, das gibt einem gleich Selbstvertrauen, und die Show wird deshalb sogar manchmal besser als woanders. Trotzdem verkaufen wir in allen Ländern gleich viel Platten, T-Shirts usw. auf den Konzerten. Den Leuten scheint die Show also überall gleich gut zu gefallen, sie zeigen es nur auf unterschiedliche Weise.

Ich erinnere mich noch an Euren Auftritt beim OFF-Beat-Festival im November 97. Wie haben sich Eure Live-Auftritte seither verändert, und spielt Ihr gerne live?

Mesh: Wir sind viel selbstbewußter geworden, und das sieht man auch. Wir hatten seither viele Live-Auftritte, und beziehen inzwischen das Publikum viel mehr mit ein. Die Feuerprobe war die Tour mit De/Vision, sowohl was unsere Show als auch unsere Musik betrifft. Wir haben daraus viel gelernt. Bei einigen Auftritten benutzten wir kaum Lichteffekte oder Kulisse, wir hatten einfach einen Stoffhintergrund, ein paar Dias und zwei Strahler, und wir mußten uns ganz schön anstrengen, damit dem Publikum nicht langweilig wurde. Ich vermute wir kamen da teilweise als ganz schön arrogant rüber, aber das ist überhaupt nicht der Fall. Wir sind eigentlich nur drei eher introvertierte Leute, die an Live-Auftritte nicht gewöhnt waren. Aber wir treten gerne live auf. Wir lernen auch gern die Leute kennen, die zu unseren Konzerten kommen und Gespräche mit ihnen motivieren uns. Das Gefühl, wenn ein ganzer Saal voll jedes Wort eines Liedes, das du geschrieben hast, mitsingt, ist einmalig.

Ihr nehmt gerade im Studio Euer neues Album auf. Was erwartet uns? Aggressiver Sound wie auf der "Fragile-EP" oder eher etwas wie auf "In This Place Forever"? Oder sogar ein Sound wie die US-Version von "Fragile" auf der "You Didn't Want Me"-Single?

Mesh: Die Entwicklung, die unsere Musik im Moment durchmacht, ist schwer zu beschreiben. Die Stücke sind viel stärker. Das Album wird sicher besser als "In This Place Forever", wird aber die gleiche Mischung aus Fortschritt und Stimmungen enthalten. Mit diesen Stücken haben wir unseren ganz eigenen Mesh-Sound gefunden. Das hat es uns möglich gemacht, viel überzeugender zu schreiben. Die Erfahrungen, die wir bei unseren Live-Auftritten gesammelt haben, haben uns sensibler gemacht dafür, was funktioniert, und was nicht.
Live-Auftritte wirken wie ein Verstärker: aus einem schwachen Stück wird ein schlechtes, oder, noch schlimmer, ein langweiliges, aber genauso kann aus einem guten Stück ein großartiges werden, das das Publikum überzeugt. Das Album besteht aus Aufnahmen, die wir an verschiedenen Orten und mit unterschiedlichem Equipment gemacht haben, und das schafft eine ganz besondere Atmosphäre. Wenn wir eine Single machen, stehen wir ziemlich unter Druck, müssen vielleicht kommerzieller sein, als wir eigentlich wollen. Aber wir geben unseren Versuch nicht auf, auch Singles wieder zu einer Kunstform zu machen, und nicht nur einfach 5, 6 Stücke auf einer Platte aufzunehmen, die dann alle nur langweilt.

Wann ist das Album fertig, wann soll es herauskommen?

Mesh: Offiziell wird das Album im Oktober fertig sein und im Januar veröffentlicht werden. So, jetzt ist es raus!

Wie sehen Eure Zukunftspläne aus? Für die Band und persönlich? Hat Mesh eine Vision, einen Traum, den ihr Euch erfüllen wollt? Oder macht Euch Musik einfach nur Spaß?

Mesh: Klar macht es Spaß, keine Frage! Das Ziel wäre vielleicht, Musik zu machen und sich um Geld keine Gedanken machen zu müssen. Im Moment müssen wir alle noch nebenbei arbeiten, auch wenn wir mit der Musik schon Geld verdienen. Man muß halt auch viel Geld reinstecken. Wenn wir mehr Geld mit MESH verdienen würden, könnten wir dafür auch mehr Zeit investieren und es würde nicht immer so lange dauern, bis wir z.B. Songs fertig haben.
Allerdings bessert sich das gerade. Wir touren nicht so viel wie wir vielleicht gerne würden, und das ist schade, denn das würde uns sicher viel bringen. Abgesehen davon ist die Zukunft eigentlich schon eingetroffen: unsere Fangemeinde wächst ständig, die meisten davon sind loyal, einige geradezu fanatisch. Und das ist doch der größte Lohn. Persönliche Ambitionen, die nichts mit der Band zu tun haben, sind ein Luxus, den wir uns im Moment nicht leisten können. Um auch nur halbwegs erfolgreich zu sein, mußt du einfach alles geben, bis hin zur Selbstaufgabe. Wir sind alle drei so ganz glücklich, alles läuft ganz gut, und so kann es ruhig auch weitergehen.

Eure Texte sind meist sehr persönlich, oft geht es darum, wie Leute sich verhalten. Ein Beispiel ist "Trust You". Denkt Ihr beim Schreiben an ganz bestimmte Leute oder sind die Texte eher allgemein zu verstehen? Ich glaube, mit "You Didn't Want Me" können sich viele gut identifizieren. Versucht Ihr, anderen mit Euren Texten zu helfen, ihre Probleme zu lösen, oder ist das reine Eigen-Therapie?

Mesh: Die Texte sind sehr persönlich und in erster Linie für uns selbst geschrieben. Text und Musik sollen das reflektieren, was wir hören und fühlen wollen. Dabei denken wir nicht daran, wie andere darauf reagieren könnten. Vielleicht ist das gerade der Grund, warum sie unser Publikum ansprechen. Wir sind drei ganz normale Leute, und was uns bewegt, bewegt wahrscheinlich auch 'ne Menge anderer Leute. Texte sind schon wichtig. Sind sie nicht ernst gemeint, wird man das sofort durchschauen. Das ist wohl auch das Schlimmste im Musik-Business: die Angst, daß man auf einen Fan trifft und ihn enttäuscht oder der dich als Täuschung entlarvt. Man muß sich selbst treu bleiben und hinter dem stehen, was man schreibt. Wir wissen genau, wann ein Stück "fertig" ist, man fühlt das einfach, man fühlt, wie es einen eiskalt den Rücken runterläuft.

Der Realist in mir möchte wissen: Verdient Ihr genug mit der Musik, daß Ihr davon leben könnt, oder habt Ihr noch andere Jobs? Wenn ja, welche Art von Jobs, welche Interessen habt Ihr neben der Musik?

Mesh: (s. vorhergehende Antwort) Tja, Geld... Wir verdienen schon mit der Musik, aber nicht genug, um uns damit zu finanzieren. Das meiste Geld fließt zurück ins Studio. Wir haben ganz normale Vollzeit-Jobs, auch wenn die Musik wohl an erster Stelle steht.

Was inspiriert Euch? Was bestimmt Euer Denken? Die Leute in Eurer Umgebung, die Medien, verschiedene Erfahrungen?

Mesh: Beziehungen und Menschen inspirieren uns wohl am meisten. Das wird sich wohl auch immer in unseren Texten widerspiegeln. Die Faszination mit den Gefühlen und Ansichten anderer ist unersättlich. Wir schreiben eigentlich nicht über "Dinge" - Häuser, Autos, Städte, Geld, usw. Gegenstände bewegen uns nicht sonderlich. Andere finden das wichtig: Bei Blur, Beach Boys, Frank Sinatra, die Beatles hat sich das wohl auch ganz gut bezahlt gemacht.

Wenn Ihr Euch die Zukunft so anseht, v.a. Europas, hat das ganze eine Chance? Eure Texte sind ja meist eher depressiv, pessimistisch. Ist Eure Welt nur grau?

Mesh: Seit wir auf Tour waren, sehen wir die Welt etwas anders. Die Leute sind grundsätzlich erstmal gut und ganz nett, egal, wo man hinkommt. Klar gibt es immer Ausnahmen, aber das ist eine Minderheit. Eigentlich sehen wir unsere eigene Zukunft ganz positiv, das tut doch jeder, oder? Man muß doch seine eigene Zukunft positiv sehen, selbst wenn man von der Welt an sich nicht ganz überzeugt ist - es muß doch besser werden - morgen, nächste Woche, nächstes Jahr. Welchen Grund hätte man sonst noch zu leben? Wer sich umbringt sieht einfach nirgends mehr ein Licht. Unsere Musik ist auf den ersten Blick vielleicht depressiv, aber ich glaube, die Leute sehen das eigentlich ganz anders. Wir bekommen Briefe, in denen steht: "Danke - Ich dachte, ich bin der einzige, der so fühlt..." Es verkehrt sich also ins Gegenteil. Das Grau ist wohl nur der Grundanstrich, darüber ist es ziemlich farbig.

Toxin & Falstaff, The New Empire

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