We Collide
CD

(Walter Kraus, Music Beat)

Depeche Mode sind allgegenwärtig. Ob nun als Band selbst, die über zwanzig Jahre hinweg Hits am laufenden Band produziert, oder als Einfluss für Bands von heute, Gahan und Co sind omnipräsent. Auch Mesh aus Bristol lieben die Jungs, und haben sich auf den Banner geschrieben, Electro und Rock mit Wave zu mischen, was seit weit über zehn Jahren ganz gut klappt, prominente Fans wie Robbie Williams eingeschlossen. Seit dem letzten Album "Who Watches Over Me?" und der Single "Friends Like These" ist allerdings schon wieder einige Zeit her, und so muss "We Collide" von Neuem überzeugen.

Nachdem sich die Band im Intro noch hinter einem Synthie-Teppich versteckt, macht "Open Up The Ground" schließlich keine Gefangenen, und legt druckvoll los. Die Melodien hat etwas tranciges und gehen direkt unter die Haut, während die Vocals, mal beschwörend mal fordernd, ihr Ziel nicht verfehlen. Speziell im Chorus wird ganz großes Kino geboten. Etwas sanfter begibt es sich mit "What Are You Scared Of?". Zwar sind die Beats recht scharf ausgefallen, dafür wird sich ansonsten deutlich zurückgehalten. Umso feiner ist es da, wenn der Song nur ein klein wenig später mit exzellenten Synthies eine spannende, teilweise auch bedrückende Stimmung erzeugt.

"Step By Step" ist ein weiteres Beispiel der beatesken Seite, die Mark Hockings so richtig viel Platz gibt, sich komplett zu entfalten. Während er die Strophe recht ruhig angeht, und vorsichtig versucht, den eher sanfmütigen Song aufzubauen, scheint er im Refrain die Arme auszubreiten, um vollends abzuheben. Hier ergibt die Summe der einzelnen Teile Sinn, wenn man in die Kaskadenartigen Melodien gezogen wird. Ein wenig Piano darf es auf "No Place Like Home" sein, zumindest für das Intro. Dann verlangsamt sich das Geschehen hörbar. Im Prinzip bleibt man recht ruhig, und erinnert ein wenig an Depeche Mode-Großtaten der 1980er.

"Petrified" erzählt von einer Person, die einen schweren Fehler begangen hat, und nun mit sich selbst und seinem Gewissen zu kämpfen hat. Mesh installieren diese Geschichte recht zögerlich. Verhältnismäßig spärliche Produktion lädt den Hörer dazu ein, sich vollends auf die Lyrics zu konzentrieren. In weiterer Folge sorgen vor allem die bombastischen Rolls dafür, dass einen der Song vollends einnimmt. Ein Schatten seiner selbst ist das lyrische Ich auf "Rest In Pieces", eine Person, die langsam aber sicher zu verschwinden scheint. Der kürzeste Song auf "We Collide" wird ähnlich jenseitig in Szene gesetzt, sovon man bei den Mannen aus Bristol davon überhaupt sprechen kann.

Täglich scheitern tausende Beziehungen weltweit. Das Gefühl der Leere wird auf "This Is What You Wanted" vertont. Es wird die Frage gestellt, ob es wirklich richtig war, alle Verbindungen zu kappen, und alleine weiterzumachen. Das Arrangement ist im Vergleich zu den letzten Tracks wieder deutlich lebhafter, wofür vor allem schwere Riffwände sorgen. Der Rocksong dieses Albums. Deutlich melancholischer und selbst-destruktiver ist "Room With A View" veranlagt. Vom vormals treibenden Sound ist nichts mehr zu hören, doch dafür verlagern sich Mesh auf ein gemächliches, fast schon schwebendes Arrangement, das einem nicht nur durch das Pfeifen unter die Haut geht.

Vergleichsweise poppig geht es auf "My Hands Are Tied" vor sich. Beat und Bass sind recht simpel und eingängig gehalten, wozu auch die recht feinen Melodien passen. Nur in der Bridge wird es etwas verquer, doch dafür geht der Refrain richtig ins Ohr. Mesh sind plötzlich ganz nahe am Pop, und liefern einen starken Singlekandidaten ab, der ihnen vielleicht auch eine andere Zielgruppe erschließen könnte. Wo wir gerade beim Thema sind, die erste Auskopplung "Crash" steht nun an. Hier wird eine relativ hohe Geschwindigkeit vorgelegt, während die Synthies zeitweise regelrecht ins Fleisch schneiden, bis schließlich wieder durchgestartet wird.

Der wahrscheinlich nachdenklichste Moment dieses Albums ist "Can You Mend Hearts?", in dem der Doppelmord an zwei Mädchen in England vor vier Jahren thematisiert wird. Während die Strophe fast schon balladeske Strukturen annimmt, ist der Refrain mit der rauen Gitarre und der erdrückenden Melodie einer der subtilsten Momente rechtzeitig zum Schluss. Es lohnt sich jedoch, dranzubleiben, denn mit "The World's A Big Place" folgt ein feiner Hidden Track, der Mesh um noch eine Spur reduzierter zeigt, fast schon Lo-Fi. Erst in der letzten Minute wird das Soundbild klar, und aus dem Herzen blutende Streicher sorgen für einen hypnotischen Abschluss.

"We Collide" ist ein spannendes und vielschichtiges Album, auf dem Mesh gleichzeitig bekannte Schemata kultivieren und ausbauen, während sie neue Wege beschreiten, und ihren Sound zum Teil noch weiter der Popmusik öffnen. Man bekommt Musik für Herz, Hirn und Beine mit interessanten, teils äußerst offenen Lyrics, die man auch schon frei für sich interpretieren kann. Neben "Crash" gibt es potentielle Clubhits wie "Open Up The Ground" und "Step By Step", aber auch einen recht poppigen Track wie "My Hands Are Tied", der sogar einigermaßen massenkompatibel ist. All diese Faktoren zusammen ergeben ein spannendes Werk, das die doch recht lange Wartezeit mehr als nur rechtfertigt.

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