Notwendiger Überfluss oder überflüssige Notwendigkeiten?

Mesh sind über die Jahre zu einer festen Konstanten im Musikbiz geworden und liefern mit "Automation Baby" erneut ein authentisches und spannendes Album ab. Der thematische Schwerpunkt liegt dabei auf den unzähligen "sozialen" Plattformen im Internetz, dem Verfall der Kommunikationskultur und der zunehmenden Technisierung unserer Welt. Herr Silberdorn stellte sich britisch eloquent unseren Fragen.

Eure letzten beiden Alben hießen "A perfect solution" und "An alternative solution", das neueste "Automation Baby". Ist die Automatisierung vielleicht die endgültige Lösung aller Probleme der Menschheit?

Rich: Auf dem Album geht es wirklich genau darum. Obwohl die Technologie gigantische Schritte nach vorn gemacht hat, hat sie auch viel Stress mit sich gebracht und behindert unsere sozialen Fähigkeiten. Wir können ohne unsere Apparate und Maschinen gar nicht mehr leben und sind so abhängig vom Internet und seinem ständigen Strom aus Informationen, dass es einem angst und bange wird.

Auf welche der modernen Bequemlichkeiten könntet ihr denn am wenigsten verzichten?

Rich: Ich ertappe mich immer häufiger dabei, vor meinem Laptop zu sitzen und mich auf Social Media-Seiten herumzutreiben, Bilder hochzuladen, Fragen zu beantworten etc. Ich betreibe auch zusehends mehr Online-Shopping und vergleiche Preise für Dinge, die ich im Internet kaufen kann. Trotz dieser unglaublichen Masse an Informationen, die sich unmittelbar vor mir auftun, sollte ich jedoch lieber viel weniger Zeit mit diesen Dingen verbringen. Es gibt schließlich noch die große weite Welt mit all den Menschen, die man treffen sollte.

Wie hat sich denn das Leben eines Künstlers angesichts der stetig wachsenden Social Media-Möglichkeiten gewandelt?

Rich: Das alles hat schon einen großen Einfluss auf alle Künstler. Die Option, ein weltweites Publikum von deinem Wohnzimmer aus zu erreichen, ist schon beeindruckend. Die Welt wird immer mehr zu einem kleineren Ort. Viele unserer Aktivitäten werden mittlerweile von Freunden über das soziale Netzwerk verkündet und auch Youtube ist ein tolles Werkzeug. Das Video zu unserer letzten Single "Born to lie" haben wir zum Beispiel über Facebook angekündigt und innerhalb weniger Stunden hatten wir bereits 850 durch unsere Fans geteilte Inhalte und das Video hatten innerhalb weniger Tage bereits 10.000 Leute gesehen. Verblüffend!

Das Cover eures Albums, aber auch andere Bilder im Booklet und einige der Themen, mit denen ihr euch in den Texten beschäftigt, machen mich schon ein wenig nervös und lassen mich an einen Informationen-Overkill in unserer ach so kommunikativen, modernen Gesellschaft denken. Seid ihr manchmal in der Gefahr, von Informationen geradezu erschlagen zu werden und was bewahrt euch am Ende vor besagtem Overkill? Habt ihr persönlich eine Art Schutzwall, um selbst bei Verstand zu bleiben?

Rich: Man hat doch immer die Option, einige der Informationen einfach zu ignorieren und es ist nun mal ein Balanceakt, sich nicht in all den Hypes und der Fülle von Daten zu verfangen. Man muss eben eine gewisse Auswahl treffen und sich an Dinge halten, die funktionieren und die einem helfen, das Nützliche herauszufiltern. Die Bilder im Artwork versuchen die Idee einzufangen, dass man all diese Kommunikationsmöglichkeiten und tausende virtuelle Freunde hat, aber am Ende immer noch sehr einsam sein kann.

Was hat es eigentlich mit der Nummer auf der Kreditkarte des Automation Baby auf sich? Ich vermute doch, dass sich etwas mehr dahinter verbirgt...

Rich: Gut beobachtet (lacht). 808, 909, 606 etc. sind alles Roland Drum Machines...

Wie sind eigentlich die tollen Fotos, besonders das mit der Taschenlampenschrift entstanden?

Rich: Die Inspiration kam von Bildern, die wir im Internet entdeckt hatten. Wir wollten das Gefühl der Bewegungslosigkeit in einer Welt, die rasend schnell an uns vorbeizieht, einfangen. Also gingen wir raus in das geschäftige Stadtzentrum bei Nacht, mussten eine ganze Weile still stehen und alles an uns vorbeirauschen lassen. Das Resultat findet man auf der Rückseite des Albums und unter der CD. Diese Bilder haben ein geradezu schauriges Gefühl der Isolation an sich. Das war letztendlich auch der Auslöser für die Bilder mit der Lichtschrift. Mark hat das im Garten hinter seinem Haus ausprobiert und das Ergebnis ist schon sehr erstaunlich. Wenn man bedenkt, dass er die Worte einfach in die Luft geschrieben hat, sehen sie doch erstaunlich akkurat aus.

Man gewinnt schnell den Eindruck, dass ihr auf dem neuen Album noch mehr mit verschiedenen Klängen experimentiert habt, noch mehr mit den Effekten gespielt habt. Am Ende erscheint das Album dadurch noch lebendiger und abwechslungsreicher. War dies vielleicht sogar gewollt oder geschah das eher aus dem Bauch heraus?

Rich: Wir konzentrieren uns schon immer eher darauf, die bestmöglichen Songs zu schreiben und damit meine ich Melodien, Strukturen etc. Zu viele Bands kümmern sich ausschließlich um die Sounds und die Produktion, aber der Song an sich kann kaum für sich allein stehen. Wir müssen zunächst spüren, dass es sich um ein starkes, einprägsames Lied handelt, bevor wir mit der ganzen komplizierten Produktion starten. Generell haben wir auch keinen Masterplan wie ein Album klingen soll, sondern lassen alles aus unseren Gefühlen heraus entstehen. Wir haben nur einen Notizzettel im Studio, auf dem wir die Songtitel und deren BPMs aufschreiben, damit wir ungefähr wissen, ob wir noch eher einen schnellen oder langsamen Song brauchen, um das Verhältnis auf dem fertigen Album ausgewogen zu halten. Die letztendliche Reihenfolge der Tracks überlassen wir dann aber komplett der Plattenfirma und ich denke, letztendlich ist aus all dem wieder ein guter Spannungsbogen entstanden.

Da unser Magazin der Regenbogenpresse in nichts nachsteht, sind wir sehr gespannt, welche Enthüllungsgeschichte sich hinter "Never meet your heroes" verbirgt...

Rich: Ich denke, das Stück erklärt sich fast von selbst. Es besteht immer die Möglichkeit der Enttäuschung, wenn man jemanden trifft, den man wirklich vergöttert oder zu dem man einfach aufschaut. Selbst wir haben einige verrückte, ja besessene Fans, die uns von Zeit zu Zeit kontaktieren und ich frage mich dann immer, was sie von uns halten, wenn sie uns dann auch mal treffen... "Oh, das sind ja nur ganz normale Jungs, die ein paar Instrumente spielen." (lacht) Ich kenne aber wirklich jemanden, der sein Idol aus der Musikwelt getroffen hat - ich sage aber nicht wer das ist - und es stellte sich heraus, dass derjenige ein totales Arschloch ist. Das hat die Meinung über die Person für immer verändert.

Mit der Aktion des Rock and Roll Experience habt ihr kürzlich euren Fans ein Angebot gemacht, euch auf der Tour zu begleiten. Sie können im Nightliner zu Gast sein, euch während des Soundchecks über die Schulter schauen und mit euch zusammen essen. Hand auf's Herz, ist das immer nur ein großer Spaß oder könnte es Situationen geben, in denen ihr Euch bedrängt fühlt und nur noch rufen wollt "Just leave us alone"?

Rich: Wir hatten zunächst wirklich so unsere Bedenken, nicht wegen unserer Privatsphäre, sondern eher wegen der Tatsache, dass das Tourleben selten so glamourös ist, wie es sich die Leute immer vorstellen. Es mag die Fans vielleicht enttäuschen, wenn man sie hinter die Kulissen schauen lässt. Letztendlich sind wir jedoch froh, es getan zu haben und vielleicht wollten die Leute ja wirklich genau das sehen, was es zu sehen gab... (lacht)

Was gibt es denn für die Zuschauer auf der Tour zu erleben?

Rich: Wir versuchen bei jeder Tour, mit neuen Ideen aufzuwarten und das Publikum Teil der Show werden zu lassen. So haben wir viele Songs überarbeitet, um sie wieder interessant und spannend werden zu lassen. Ich denke, es ist das Mindeste, was die Leute erwarten können, nicht immer die gleichen Versionen wie auf den CDs zu hören.

Pippi von Schnippi, Spider y Torsten Pape, Bodystyler

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