Alles bleibt anders oder Da weiß man, was man hat

Elektronische Popmusik hat bekanntlich nicht nur in Deutschland, sondern auch im Land des Fünfuhrtees eine lange Tradition. Mesh gehören dabei glücklicherweise zu der Sorte Bands, die sich nie im Schatten von Ikonen wie Depeche Mode haben verstecken müssen, sondern auf ihrem ersten Release "In This Place Forever" mit ihrer Mischung aus einschmeichelndem Gesang, Melodien satt und einem eigenen Stil von sich Reden machten. Nach dem folgenden und weniger erfolgreichen Gehversuch in der großen Popwelt, geführt am Händchen von Ruhrpott-Technopapst Mark'Oh, war es recht lange ruhig um das Trio aus Bristol. Nun ist die Band mit einem neuen Longplayer und eigenem Material zurück, und das ist auch gut so. Als Vorauskommando soll die Single "Leave You Nothing" Appetit machen, welche die Marschrichtung anzeigt: Volle Kraft voraus!

Optisch haben Mesh eher durch Unspektakularität und penetrantes Wollmützentragen Aufsehen erregen können, akustisch hingegen hat man es hier wohl mit einer Formation zu tun, die die Konkurrenz weit hinter sich läßt. Bevor sich die drei Mitglieder Neil, Mark und Rich zu der jetzigen Konstellation im Jahre 1992 zusammenfanden, betrieben Neil und Rich ein Projekt namens Technique. "Das war ein eher kurzlebiges Projekt. Wir haben damals bloß in ein paar kleinen Clubs in Bristol gespielt", erzählt Neil. Daß es inzwischen eine Electropop-Band gleichen Namens gibt, die man im Vorprogramm der wiederauferstandenen Soft Cell bewundern konnte, nimmt die Band gelassen auf. "Na ja, da werden wir dann wohl keine juristischen Schritte einleiten, denke ich",fügt Neil grinsend hinzu. Mesh selbst konnte man hingegen nach der Veröffentlichung von "In This Place Forever" als Support von De/Vision das erste Mal live in Deutschland erleben. Daß De/Vision-Frontmann Steffen nun seit einiger Zeit auf der Bühne auch die wollene Kopfbedeckung ziert, irritiert Sänger Mark nicht: "Es ist ja immer so kalt auf der Bühne! Aber dazu wollen wir jetzt eigentlich nichts sagen, Steffen ist ein guter Freund von uns."

Auch vorher lief es recht geradlinig für die drei bodenständigen Engländer. Schon bald nach der Versendung der ersten Demotapes flatterten die ersten Angebote von Major-Plattenfirmen ins Haus. Damals war die Band strikt gegen einen Major-Vertrag und unterschrieb zunächst beim schwedischen Independent-Label Memento Materia. Inzwischen ist Mesh bei Home Records, einem Unterlabel von Sony, zu Hause. Plötzlicher Sinneswandel? "Der Unterschied ist, daß wir jetzt tun können, was wir wollen. Als wir ganz am Anfang mit Majors sprachen, hatten wir das Gefühl, daß sie alles ändern wollen. Jetzt können wir unsere Sachen so veröffentlichen, wie wir sie haben wollen. Es ist ja fast eine Art Independent-Label-Vertrag, den wir jetzt haben, bloß mit einem Major-Vertrieb und den Möglichkeiten eines Majors. Für uns ist das sozusagen ideal."

Aber zunächst noch einmal kurz die Rewind-Taste gedrückt: Mark'Oh, der auch Wolfsheims "The Sparrows And The Nightingales" durch den Technomaten schickte, nimmt mit Mesh eine Coverversion von Blancmanges "Waves" auf. Von der Szene wie auch in den Media Control Charts gleichermaßen geschmäht, blieb es bei diesem Gastspiel. "'Waves' war nicht so unerfolgreich, es war ja in den unteren Regionen der Charts. Die Leute waren sehr überrascht darüber, was wir da gemacht haben. Vielleicht weil den Deutschen auch das Material, das Mark'Oh vorher veröffentlicht hat, bekannt war. Es war mal etwas Anderes für ihn und es war auch mal etwas Anderes für uns. Es hat uns Spaß gemacht, wir hatten eine gute Zeit mit ihm und wir glauben, daß das eine gute Platte ist. Manche Leute mochten den Gedanken dabei nicht, daß wir mit Mark'Oh arbeiten. Aber wenn sie sich den Song anhörten, verschwand das meistens. Am Ende haben wir uns aber gedacht: Das, was wir am besten können, ist Mesh; das, was Mark'Oh am besten kann, ist Mark'Oh. So haben wir es dabei belassen." Was passierte folgend in der etwas längeren kreativen Pause? "Wir haben ein paar Monate damit verbracht, eine neue Plattenfirma zu finden, solche Dinge brauchen immer viel Zeit und Energie. Im Januar 2001 begannen wir, an dem neuen Album zu arbeiten", erzählt Rich. Auf dem M'Era Luna-Festival im gleichen Jahr präsentierte die Band das erste Mal neues Material, Stücke wie "Razorwire" ließen die Fans beruhigt aufatmen und waren ein deutliches Omen, daß man mit Mesh bald wieder zu rechnen hat.

Nun erblickt Anfang April "Who Watches Over Me?" das Licht der Welt, wie immer in völliger Eigenregie im Mesh-eigenen Bristoler Studio aufgenommen und produziert. Oder doch nicht ganz, denn die finalen Mixe wurden diesmal im Hamburger Home-Studio getätigt. "Aufgrund des Deals mit Home Records wurde uns das Home Studio angeboten. Wir dachten, daß wir an einem Punkt sind, an dem wir selbst die Musik nicht weiter voran bringen können mit dem Equipment, das wir in unserem Studio haben. Also sind wir nach Hamburg gegangen. Eigentlich ist es so abgelaufen wie immer, bis auf die finalen Mixe. Wenn man die Möglichkeit hat, ein solches Equipment zu nutzen, dann macht man das auch. Es war eine reine Entscheidung für die Soundqualität", erklärt Neil. Auch in Zukunft steht in diesem Punkt kein Gesinnungswandel an, zu groß sind die Bedenken, den eigenen Sound zu verfälschen. Sich dabei selbst zu kopieren, diese Ängste hegt die Band keineswegs, vielmehr will man seinem Stil treu bleiben.

In der Tat hört man auf "Who Watches Over Me?" keine gravierenden stilistischen Veränderungen, und das ist auch so beabsichtigt: "Das ist unser Stil, die Dinge, die wir in Songs bringen, die Texte, das ist das, was Mesh ausmacht. Wir haben vielleicht keine andere Platte gemacht; wir haben versucht, ein Mesh-Album zu machen, mit dem Wissen, daß jetzt mehr Leute die Möglichkeit haben, uns zu hören als jemals vorher. Aus diesem Grund haben wir auch keine Pläne, große Veränderungen in unserem Stil vorzunehmen. Ich denke nicht, daß man sagen kann, wir hätten uns selbst kopiert. Es ist vielmehr so, daß wir da weitergemacht haben, wo das letzte Album aufgehört hat."
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Den kompletten Artikel könnt Ihr in der Ausgabe 04/02 des Sonic Seducer nachlesen.

Julia Beyer, Sonic Seducer

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