Who Watches Over Me?
CD

(Oliver Ding, Plattentests Online)

Songs Of Faith And Devotion

Es war einmal ein unschuldiger Popsong. Er erzählte von romantischer Liebe und säuselte eine süße Melodie. Doch wie es Unschuld nun mal so an sich hat, zieht sie fast magnetisch das Unheil an. Dunkle Gedanken, schlechte Menschen, üble Gesellschaft. Düstere Wolken verdeckten die Sonne, die einst auf die beschaulichen Noten geschienen hatte. Doch damit war unserem Popsong nicht beizukommen. Wäre ja gelacht, wenn die Melodie nicht kraftvoll genug wäre, aus den Schatten herauszutreten und ihnen gar noch etwas positives abzuringen.

Und nun bringt der Erzähler die Jungs von Mesh ins Spiel. Warum? Nun, seinen Synthesizern entlockt der Dreier aus Bristol seit Jahren verträumte Klänge, die an die Geschichte von der Unschuld und den dunklen Wolken erinnern. Getragen von einer schwelgerischen Melancholie, zündenden Melodien (und einem kleinen Hauch Routine) setzen die Briten auch auf ihrem vierten Album ihre kleinen Popdiamanten in eine Welt, der man nicht weiter über den Weg trauen kann, als man sie werfen könnte. "I'm in my world / You're outside."

Als Schutzschild für ihr zerbrechliches Inneres dient dabei ein manchmal betulicher, meist aber reichlich drückender Beat. Mesh lassen die Bässe grummeln, holen so manches Gitarrensample aus dem Sounddickicht und suchen doch wie in "Four Walls" immer wieder die stillen Zwischentöne. Besinnliche Klavierarpeggios verschwimmen mit weichen Analogien aus der Steckdose. Mark Hockings präsente Stimme pendelt zwischen bittersüßer Hingabe und kontrollierter Aggression. Hymnen wie "I Can't Imagine How It Hurts" oder "Leave You Nothing" flüstern erst zu schüchternem Geflirre und finden dann doch plötzlich den Weg in die Magengrube.

So inszenieren Mesh ihre Songs zwar in durchaus rockkompatiblem Format, doch auch wenn sie ihre tanzbare Melange aus Synthpop und Dark Wave als "Industrial Rock" bezeichnen, ist "Who Watches Over Me?" eher nichts für Freunde von neunzölligen Nägeln. Wer Zeilen singt wie "Nothing matters but the softness of your skin", lächelt eher, als daß er die Zähne fletscht. Und doch schließt sich hier der Kreis, denn das Unheil lauert auf seine Chance: "But you're really not aware of the trouble that we're in" seufzt Hockings. Fragt sich nur noch, wer letztlich Oberhand gewinnt. Die Unschuld oder die Dunkelheit?

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