Dem Himmel nahe

Mit "Kill Your Darlings" als Vorbote sowie einem dazugehörigen Videoclip sorgten Mesh in den vergangenen Wochen für Furore. Jetzt steht mit "Looking Skyward" das dazugehörige Album in den Startlöchern, welches allerdings in ziemlilch große Fußstapfen tritt, denn der Vorgänger "Automation Baby" schlug ein wie eine Bombe: Fans und Kritiker zeigten sich gleichermaßen begeistert, die Platte stieg in die deutschen Media Control Charts ein. Doch da Mesh bekanntlich immer großartige Platten abliefern - nicht umsonst sind sie die Synthpop-Lieblinge schlechthin - und auch die Single nur Gutes verhieß, wird sich "Looking Skyward" ebenso in den Hitkatalog der Band einfügen. Keyboarder und Komponist Richard Silverthorn jedenfalls streckt den Hals und blickt nicht nur nach vorn, sondern nach oben und über den Horizont. Alles ist bei dieser Scheibe möglich!

Der Druck war allerdings immens: "Es ist ohnehin ein ganz schöner Akt, anzufangen, für ein neues Album zu schreiben, aber der Nachfolger von 'Automation Baby' war eine besonders schwere Herausforderung", gibt er unumwunden zu und sinniert weiter: "Wir wussten, dass wir nicht noch einmal so ein Album schreiben könnten - und das wäre auch sinnlos gewesen. Also haben wir einfach angefangen, in der Hoffnung, dass etwas Gutes dabei herauskommen würde. Der erste Song war 'Tactile', der dann die Atmosphäre und Richtung für alle weiteren vorgegeben hat. Ich schickte das fertige Demo an unseren Produzenten Olaf Wollschläger, der einfach nur mit 'Wow' antwortete. Ab da konnten wir die Sache deutlich entspannter angehen. Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich der weltgrößte Selbstzweifler bin. Während des kompletten Schreibprozesses habe ich mir ständig überlegt, ob das alles wirklich gut genug ist. Erst als wir an die sechs Songs zusammen hatten, war ich langsam der Meinung, dass wir wieder etwas Besonderes geschaffen haben. Es besteht kein Zweifel, dass 'Looking Skyward' ganz anders ist als 'Automation Baby', aber das musste auch so sein. Wir mussten ein Album schreiben, das genauso gut ist, uns dabei aber weiter voran bewegen und eine andere Richtung einschlagen."
Für das Artwork begaben sich die beiden Musiker auf eine Urban Exploring-Tour in ihrer näheren Umgebung - ein neues Faible der Band, wie es scheint. Rich nickt: "Irgendetwas zieht uns zu verlassenen Gebäuden, es ist etwas wunderbar Verstörendes an ihnen. Es ist so, als wenn jedes Bild davon seine eigene Geschichte erzählt. An diesen Orten hat einst das Leben gebrummt, bis sie irgendwann der Natur überlassen wurden. Als wir für das Shooting nach einer geeigneten Location suchten, sind wir auf diese alte Fabrik gestoßen, die sich in der Nähe unseres Wohnorts befindet. Sie steht schon eine ganze Weile leer und wir haben - entgegen der 'Betreten verboten'-Schilder überall - beschlossen, uns einen Weg hinein zu suchen. Die Location war einfach perfekt! Jedes einzelne Foto hat eine düstere, bedrohliche Atmosphäre. Wir haben sprichwörtlich hunderte von Bildern gemacht und dann entschieden, diese für das Albumartwork zu verwenden."
Nicht nur die Fotografien der Band aus dem alten Fabrikgebäude wurden eingebaut, auch auf dem Cover ist eine heruntergekommene Industriehalle zu sehen mit eingestürztem Dach, so dass der Blick auf den Himmel frei ist. Mitten in dieser gezeichneten Kulisse: das Händchen haltende Kinderpärchen, das auch schon auf dem Cover der vorab veröffentlilchten EP "Kill Your Darlings" zu sehen ist. "Das Bild der Kinder vermittelt ein gewisses Maß an Unschuld", erklärt Rich und präzisiert: "Das ganze Übel dieser Welt wird durch den Optimismus der Kinder hervorgehoben. Auf dem Cover der Single spielen sie fröhlich mit Papierflugzeugen auf einer Landebahn, während ein Düsenjet auf sie zusteuert. Das Albumcover greift dieses Bild auf, allerdings in ein verlassenes Fabrikgebäude transferiert. Es dient dazu, das Gefühl des Albums zu vermitteln."
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You can read the entire article in the issue 09/2016 of Sonic Seducer.

Catrin Nordwig, Sonic Seducer

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