Lemmy hat immer irgendwas gebrüllt

Im Interview mit laut.de sprechen Mark, Neil und Rich unter anderem über die Zusammenarbeit mit dem Depeche Mode-Produzenten Gareth Jones, Verständigungsschwierigkeiten mit Lemmy Kilmister, das Tempo der Arctic Monkeys und die britische Presse.

Etwas müde sehen Mark (Gesang), Neil (Keyboards) und Rich (Keyboards) schon aus, als man sich zu einem gemütlichen Plausch im Hamburger Youth Hotel trifft. Aber sie haben auch gerade mal einen Tag Zeit, um zwischen ihrem Job, der Familie und den Vorbereitungen der kommenden Tour noch die deutsche Medienlandschaft mit Interviews zu versorgen.

Vier Jahre sind jetzt seit dem letzten Album vergangen. Wo zum Teufel wart Ihr?

Neil: Wir waren wohl ziemlich beschäftigt. Und es scheint immer schwieriger zu werden, Zeit zu finden. Einer der Gründe für die lange Pause ist wohl, dass wir auch noch nie sonderlich schnell darin waren, Alben zu produzieren. Hinzu kommt, dass wir alle wieder einem normalen Job nachgehen. Zur Zeit des Vorgängeralbums waren wir ja noch Vollzeit-Musiker. Und wir hatten uns auch kein Datum in den Kopf gesetzt, wann das neue Album erscheinen sollte.

Mark: Wir wollten uns auch Zeit mit dem neuen Album lassen. Es sollte einfach richtig gut werden.

Rich: Wir machen ja nun auch schon seit fünfzehn Jahren Musik. Wir waren ständig am Alben produzieren oder auf Tour. Nach dem letzten brauchten wir auch erst einmal eine kleine Auszeit, um unsere Batterien wieder aufzuladen.

Haben sich in den letzten Jahren die Prioritäten in Eurem Leben geändert? Ihr seid ja nun auch alle verheiratet und Familienväter.

Rich: Man muss versuchen, da einen Mittelweg zu finden. Musik ist unsere größte Leidenschaft. Es kann schon vorkommen, dass man heiratet, Kinder kriegt und plötzlich denkt, man müsse mit der Musik aufhören. Aber das kam für uns nie in Frage. Wir haben alle eine Familie. Wir versuchen aber immer noch, Raum und Zeit für die Musik zu schaffen. Wir lieben es einfach zu sehr. Es braucht dann natürlich alles etwas mehr Zeit. Es ist schwierig. Aber wir kriegen das immer irgendwie hin.

Wenn man sich Euer neues Album "We Collide" anhört, merkt man schon, dass Ihr über die Jahre Eurem musikalischen Stil treu geblieben seid. Was Eure langjährigen Fans mit Sicherheit freuen wird. Seht Ihr das ähnlich, oder gibt es Eurer Ansicht nach doch große Veränderungen in der Art Eurer Musik?

Rich: Ich glaube schon, dass sich etwas geändert hat. Wir benutzen heute viel mehr Gitarren. Unsere Musik ist rockiger geworden und nicht mehr so glatt. Ich fände es eigentlich schon schön, wenn Leute unser Album hören und es für gut befinden oder Veränderungen bemerken. Wenn wir jetzt etwas völlig anderes gemacht hätten, hätten wir damit mit Sicherheit viele unserer Fans vergrault. Es ist immer ein sehr schmaler Grad, wenn man versucht, Dinge zu verändern oder neue Elemente einzupflegen und dabei trotzdem noch wie man selbst zu klingen.

Neil: Wir mögen ja auch unseren Sound. Wir dachten auch nicht, dass wir in eine komplett neue Richtung gehen oder radikal etwas verändern sollten, nur um neue oder andere Fans zu gewinnen. Es gibt ja viele Bands, für die ein bestimmter Sound charakteristisch ist und die sich von Album zu Album nicht wirklich viel verändern. Diese Bands machen das, was ihnen Spaß macht. Und so machen wir es eben auch. Wir sind wirklich sehr, sehr stolz auf "We Collide". So wie wir heute klingen, ist eben wer wir sind. Und es ist toll, dass die Leute da draußen, das als unseren Sound wieder erkennen.

Rich: Es kommt mittlerweile sogar vor, dass andere Bands mit uns verglichen werden und dass denen ein Mesh-Sound zugeschrieben wird. Ich glaube, das ist das größte Kompliment, das man als Band bekommen kann.

Rich, ich habe gesehen, dass Du im Video zu Eurer neuen Single "Crash" an einem echten Drum Kit sitzt. Das ist ja auch mal neu. Wie kommt das? Wird Euch das auch auf Tour begleiten oder war das nur für den Clip?

Rich: Ja, für mich war das auch ein kleiner Schock. Wir wollten uns für die Tour ohnehin einen Drummer suchen, um live auch einmal ein paar Sachen anders zu machen. Und wir dachten, es wäre toll, das auch im Video umzusetzen. Aber wir hatten weder die Zeit, noch das Budget, den Schlagzeuger für den Videodreh einzufliegen. Da stand also dieses Drumkit und plötzlich sagten sie mir: Rich, du setzt dich da jetzt dran. Dumm nur, dass ich gar keine Ahnung von Schlagzeugen habe. Letztendlich hatte ich dann eine Stunde Zeit, um irgendetwas zu lernen, das zumindest so aussieht, als ob ich im Takt spiele. Also habe ich es getan. Aber ich bin noch weit davon entfernt, ein professioneller Schlagzeuger zu werden. Aber sag' es bitte keinem. Es sieht richtig gut aus im Video.

Nein, nein, keine Angst, das behalte ich ganz bestimmt für mich... Auf Eurem neuen Album habt Ihr Gareth Jones als Produzenten herangezogen, der ja unter anderem auch schon für die Produktionen von Depeche Mode verantwortlich zeichnete. Wie lief die Zusammenarbeit?

Neil: Die Arbeit mit Gareth war wirklich toll. Er kam allerdings erst gegen Ende der Arbeiten an "We Collide" dazu. Das Songwriting sowie unser Teil der Produktionsarbeiten waren bereits gelaufen.

Mark: Wir haben in seinem Londoner Studio ein paar Gesangsspuren neu aufgenommen, bei denen wir dachten, dass es da noch etwas hakt. Seine Art zu arbeiten, ist auch einfach anders, und das machte es sehr interessant. Er ist ein sehr eigener Mensch, aber sehr gut, in dem was er tut. Er hat ein tolles Gespür für Musik.

Ich habe gehört, dass Ihr anfangs sehr zögerlich wart und nicht wusstet, ob Ihr aufgrund seines Depeche Mode-Hintergrunds wirklich mit Gareth zusammenarbeiten solltet. Wo habt Ihr da Probleme gesehen?

Rich: Na ja, die Sache ist die, dass eben jeder weiß, dass er schon mit Depeche Mode oder Erasure zusammen gearbeitet hat. Wir hatten Angst, dass uns das eher schaden als helfen könnte. Dann haben wir uns allerdings etwas mehr über ihn erkundigt und festgestellt, dass er auch noch mit ganz vielen anderen Bands gearbeitet hatte, wie Futureheads, Interpol oder Embrace. Bands eben, die nicht aus der elektronischen Ecke kommen. Und er ist einfach sehr, sehr gut, in dem was er tut. Er konnte sich auch wirklich gut auf uns einstellen. Wir sagten ihm, was wir wollten, und er hat das jedes Mal unglaublich schnell umgesetzt. Du bittest ihn, etwas zu tun, und er hat es schon getan, bevor du überhaupt den Satz zu Ende gesprochen hast.

Mark: Wir haben ihn uns auch etwas anders vorgestellt. Wir dachten, er wäre eher sehr retrolastig, mit jeder Menge Old-School-Equipment. Aber es ist genau das Gegenteil. Er benutzt Dinge, von denen die meisten Leute nicht einmal wissen, dass es sie gibt. Er hat jede Menge tragbare High-Tech-Geräte, die sich leicht in ein paar kleinen Koffern verstauen lassen.

Neil: Am Anfang dachten wir, okay, ist das alles. Als er sie dann aber aufgebaut und angeschlossen hatte, waren wir schon sehr beeindruckt. Als wir dann fertig waren, stellten wir fest, dass unsere Songs genau so klangen, wie wir anfangs gehofft hatten.

Rich: Er ist auch ein sehr bodenständiger Typ. Wenn man bedenkt, mit wem er schon alles zusammengearbeitet hat. Aber das war nie ein Thema. Er konzentriert sich komplett auf den Job, für den er gekommen ist. Und das war einfach gut.

Was hat Euch denn so stark an der Depeche-Mode-Verbindung gestört?

Rich: Das Problem ist, wir werden immer noch ständig mit Depeche Mode verglichen. Was wir persönlich für schlechten und nachlässigen Journalismus halten. Denn wir klingen überhaupt nicht wie Depeche Mode. Es gab vielleicht am Anfang ein paar Ähnlichkeiten. Aber heute ist das doch etwas völlig anderes. Wir wussten nicht, ob Gareths Name auf unserer Platte eben wieder zu genau dieser Art von Betrachtungsweise führen würde. Mittlerweile ist uns das aber egal. Wenn jemand das sagt, dann ist das schlicht falsch.

Findet Ihr, dass "We Collide" das Beste ist, das Ihr je gemacht habt?

Neil: Ja.

Rich: Es ist sogar das Beste, das überhaupt jemals jemand gemacht hat.

(Na, da müssen selbst die drei Briten doch einmal herzlich drüber lachen.)

Neil: Wir sind schon sehr stolz auf dieses Album. Vielmehr als auf eines unserer früheren Alben. Man hofft ja immer, dass jedes Album besser als sein Vorgänger ist. Aber dieses Mal bin ich einfach überzeugt davon, dass dem genauso ist. Und man sollte ja auch immer stolz auf das sein, was man tut. Wo wäre sonst der Sinn darin?

Wenn man sich die britische Musikszene anguckt und beobachtet, wie Hypes um neue, hippe Bands wie zum Beispiel die Arctic Monkeys aufgebaut werden, beeinflusst das die eigene musikalische Arbeit?

Mark: Ja, das ist schon lustig. Diese Bands tauchen auf und verschwinden wieder, in der Zeit, in der wir gerade mal einen Song schreiben.

Rich: Die Art und Weise, wie die britische Presse funktioniert, ist wirklich schlimm. Es gibt immer fünf Bands, die gerade in sind, und das war's. Du schaust in den NME oder die anderen Magazine, und es sind immer dieselben fünf Bands auf dem Cover. Dann bringen die ihr zweites Album raus, alle erklären es für den größten Mist, und weg sind sie und machen Platz für die nächsten fünf Bands. Das kann es doch auch nicht sein.

Neil: Vielleicht würden wir anders darüber denken, wenn wir eine der fünf Bands wären. Aber nur vielleicht.

Ich habe gerade gehört, dass die Arctic Monkeys alleine am letzten Montag über 100.000 Platten verkauft haben. Wäre das nicht auch was für Euch?

Neil: Ach ja, das würden wir schon in Betracht ziehen. Der ganze Hype entstand wohl über das Radio. Es war eine Wette zwischen dem DJ und Noel Gallagher. Noel meinte, dass die Arctic Monkeys der größte Mist wären, den er je gehört hätte, und der DJ war wohl anderer Meinung. Also haben sie um 50 Pfund gewettet. Der DJ war natürlich der DJ einer der größten britischen Radiostationen und spielte die Songs jeden Tag. So konnte er das Resultat dann letztendlich auch etwas beeinflussen. Hinzu kam eine Portion Glück, und jetzt kommt man einfach nicht mehr an ihnen vorbei.

Rich: Die Mistkerle haben uns einfach unseren Platz in den Top 5 geklaut.

Das kann ja alles noch kommen. Nur die Hoffnung nicht aufgeben. Ihr habt ja auch einen ganz schicken Clip zu "Crash" gedreht. Glaubt Ihr denn, dass sich diese Investition lohnt? Vor allem, wenn man sich die derzeitige Musik-TV-Landschaft anschaut.

Neil: Na ja, man wird es nie wissen, wenn man es nicht versucht.

Mark: Wir hatten gerade heute darüber gesprochen. Selbst wenn die Musikstationen es nicht spielen werden, ist es immer noch ein tolles Tool, das man zum Beispiel für das Web nutzen könnte. Wir hoffen natürlich stark, dass sich ein Platz dafür finden wird. Also Daumen drücken.

Rich: Man kann es ja auch immer noch als Extra auf eine Single packen. Es wird auf jeden Fall gesehen werden.

Neil: Es ist ja auch ein super Marketing-Tool. Hier in Deutschland wird es auch auf Amazon.de zu sehen sein. Ohne das Video würden wir dort mit Sicherheit nicht so groß stattfinden. Es öffnet also doch schon die ein oder andere Tür.

Über Euer ehemaliges Label Home hattet Ihr ja vor ein paar Jahren eine sehr interessante und überraschende Zusammenarbeit mit Mark'Oh, die Euch sogar zu VIVA Interaktiv gebracht hat (Es handelte sich dabei um eine Coverversion des Blancmange-Klassikers "Waves"). Würdet Ihr so etwas noch einmal machen?

(Verhaltenes Geräusper und nervöses Lachen.)

Neil: Ich glaube, das war eher eine einmalige Geschichte. Zu der Zeit machte es absolut Sinn. Es war eine tolle Gelegenheit für uns, und wir hatten auch sehr viel Spaß an der Zusammenarbeit. Das Problem war damals, dass Mark'Oh genau wie wir einfach ein ganz spezielles Image hatte. Wir hofften, dass sich diese beiden irgendwie verbinden ließen und dass das Ganze ein Mega-Renner werden würde. Aber am Ende des Tages... war das nicht der Fall. Also konzentrierte sich Mark'Oh weiterhin auf seine Musik und wir konzentrieren uns weiter auf unsere.

Mark: Man lernt ja auch immer aus diesen Dingen. Selbst wenn man nur daraus lernt, dass man es eben nicht noch einmal machen würde.

Es hat Euch ja zumindest ein paar spannende TV-Auftritte beschert.

Neil: Das stimmt. Und uns hat es wahrscheinlich mehr geholfen als Mark'Oh.

Mark: Ja, seiner Karriere hat das einen ganz schönen Schlag verpasst. Aber so etwas ist ja auch nie umsonst. Vielleicht suchen wir uns doch noch mal jemanden.

Neil: Na ja, im Moment sprechen wir gerade mit Lemmy von Motörhead.

Und spricht er auch mit Euch?

Neil: Er brüllt immer irgendetwas in den Hörer. Aber so richtig verstehen können wir ihn nicht.

Mark: Ich glaube es war irgendetwas mit ... off. Hmm.

Na, viel Glück auch weiterhin dabei. Wenn Ihr damit fertig seid, was geht Ihr dann als nächstes an?

Rich: Wir werden uns dann erst einmal auf die Tour vorbereiten. Wir würden gerne unsere Show völlig neu gestalten, ein paar der Songs ändern und neue Elemente reinbringen. Wir möchten dem Ganzen auch ein stärkeres Live-Gefühl geben. Es soll einfach mehr sein, als alles nur zu programmieren und vor dem DAT auf und ab zu hüpfen, wie es die meisten elektronischen Bands tun. Dann fällt uns von Zeit zu Zeit auf, dass wir gar nicht mehr viel Zeit dafür haben, und dann geraten wir leicht in Panik. Es gibt also noch viel zu tun.

Ich bin 1996 bei einem Eurer ersten Live-Auftritte im Backstage über Euch gestolpert. Da wart Ihr gerade dabei, Euch für die Bühne über und über mit Mehl zu überschütten, um wohl etwas gruftiger zu wirken...

Neil: Ah, ja, die gute alte Zeit. Das war zum Glück nur eine Phase, aus der wir mittlerweile herausgewachsen sind. Wir freuen uns auf jeden Fall schon sehr auf die kommende Tour und darauf, unser neues Album endlich live präsentieren zu können. Und ein paar neue Schuhe habe ich mir dafür auch schon gekauft. Das kann nur gut werden.

Selina Dunkhase-Degott, Laut

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