Könntest Du als erstes bitte Euer neues Album mit einem Satz beschreiben?

Mark: Unserer Meinung nach ist es unser bestes Album bis jetzt.

Rich: Das positivste und ehrlichste Album bis jetzt.

Das neue Album hört sich positiver an und hat mehrere Pop-Nummer, aber es hört sich immer noch wie Mesh an. Warum habt Ihr Euren Stil nicht wesentlich verändert, so wie De/Vision oder Depeche Mode es getan haben, um ihren Sound zu verbessern? Habt Ihr Eure Musik verbessert, und wenn ja, wie?

Mark: Für uns ist es wichtig, daß wir das, was wir im Studio produzieren und was letztendlich auf dem Album erscheint, unter Kontrolle behalten. Wir sind sehr stark der Meinung und es sei dahingestellt ob das richtig oder falsch ist, daß wenn man ein Album mit seinem Namen darauf verkauft und sich als "technisch versierte" Band promotet, dieses Album alle Möglichkeiten, die es gibt, beinhalten sollte.
Was viele Leute nicht wirklich realisieren, ist welcher Einfluß das Heranziehen eines Produzenten im Studio mit sich bringt, denn hierdurch ändert sich der Sound einer Band drastisch. Der Produzent ordnet und mixt die Songs neu, bringt oft Programmierer mit und der Sound des Albums bekommt dadurch immer mehr die Handschrift des Produzenten und entfernt sich der der Band. Für uns bringt dieser Prozeß wenig Befriedigung und verkörpert nicht den Grund, warum wir in einer Band spielen. Wir sind nicht nur Songwriter, sondern wir möchten auch in allen anderen Prozessen involviert sein, da diese uns genauso interessieren wie das Schreiben der Texte selbst. Wir möchten auf keinen Fall in eine Situation geraten, in der wir gezwungen sind, für so eine radikale Veränderung verantwortlich gemacht zu werden.
Man sagt aber niemals "nie" und es gibt durchaus Aspekte des Aufnehmens, die wir in Zukunft sicherlich ausprobieren möchten, und dafür brauchen wir vielleicht auch einen Produzenten. Aber das müßte dann die richtige Person sein, und wir sollten zu 100% involviert bleiben.
Ich muß bei alldem aber sagen, daß wir mit den neuen Songs sehr, sehr zufrieden sind und wir sind der Meinung, daß sich unsere Texte, das Produzieren und das Programmieren seit "The Point At Which It Falls Apart" sehr verbessert haben - vielleicht ist das der Grund, warum das Album kommerzieller klingt. Wir haben versucht, die Musik und die Texte sowohl in der Komplexität als auch im Hinblick auf Tiefgründigkeit zu verbessern, und ich hoffe das ist uns gelungen. Der Inhalt der Texte hat vielleicht eine neue Richtung genommen, die Texte sind vielleicht optimistischer, aber weniger deutlich "Liebeslieder", sondern mehr Songs über persönliche Beziehungen zu Freunden, Verwandten und Personen, die uns im Leben wichtig sind. Wie Du sagst, es ist immer noch ein unverkennbarer Mesh-Sound, aber das war auch immer unsere Absicht.

Rich: Ich glaube nicht, daß dieses Album grundsätzlich anders ist als unsere früheren Alben, aber ich glaube, daß wir im Unterbewußtsein versucht haben, ihm ein bißchen eine kommerzielle Richtung zu geben, ohne unseren eigenen Mesh-Sound zu gefährden. Es kann ein großes Risiko sein, etwas völlig anderes zu versuchen, wenn dabei das verloren geht, was die Leute gerade gut finden. Da uns dies bewußt war, hatten wir nie Angst vor dem Experimentieren, und wenn es gut klingt und wie Mesh, dann ist das großartig. Wie du sagst, dieses Album ist optimistischer als die früheren und nicht so melancholisch, und das ist vielleicht schon genug Veränderung an sich.

Was ist Euch wichtig, wenn Ihr Texte schreibt oder überhaupt Musik macht?

Rich: Es gibt dieses seltsame Gefühl bei uns dreien, daß wir wissen, wann ein Stück gut ist und funktioniert. Das ist das wichtigste, ein Gefühl, was vom anderen erwartet wird. Wir haben in der Vergangenheit herausgefunden, daß es bei uns am besten funktioniert, wenn wir alle drei unseren Beitrag zu einem Song leisten. Jedes Stück sollte genug Tiefsinn haben, daß es dem Zuhörer etwas zum Nachdenken gibt oder ihn irgendwie bewegt.

Mark: Es ist wichtig, daß wir unsere Arbeit mögen und daß wir in unserer Musik ehrlich sind. Wir schreiben für uns selbst, und wenn andere Leute das mögen, schätzen wir uns glücklich. Die Texte und die Musik müssen etwas in uns auslösen, bevor wir ein Stück als fertig betrachten - wir haben eine sehr niedrige Schwelle der Langeweile und der Selbstkritik wenn wir im Studio sind, und wir wissen ziemlich schnell, wann etwas nicht gut oder interessant genug ist.
Ich glaube das wichtigste ist für uns, daß wir gute Songs schreiben. Die Technik ist sehr wichtig, aber sie muß den Texten dienlich sein und nicht andersrum.

Folgt das neue Album einem Konzept?

Mark: Als wir anfingen, die Texte für das neue Album zu schreiben, gab es keinen Plan. Als wir es fertiggestellt hatten und es rückblickend betrachteten, gab es aber schon einen Leitfaden. Ich glaube, die Texte handeln jetzt von den Personen, die sich um uns kümmern, wie Freunde, Familie und Geliebten und von den Personen, um die wir uns sorgen. Sie handeln von Menschen, die diese verwundbaren Beziehungen manchmal brechen und was mit uns geschieht, wenn diese Menschen nicht mehr für uns da sind. Der kurze Teil auf dem Album mit nur dem Text "If I watch over you, who watches over me?" faßt dies irgendwie zusammen und die letzte Zeile haben wir als Titel für das Album gewählt.

Haben die Songs noch Texte, die sich kritisch mit der Gesellschaft, mit Personen und Beziehungen, vor allen Dingen Liebesbeziehungen auseinandersetzen?

Mark: Ich habe versucht, nicht bewertend in meinen Texten zu sein. Ich beschreibe Situationen und der Zuhörer muß selbst beurteilen, was er in den meisten Fällen fühlt. So habe ich immer geschrieben und ich mag es, wenn der Zuhörer dadurch selbst in die Texte miteinbezogen wird. Einige Texte sind aus verschiedenen Gesichtspunkten geschrieben. Zum Beispiel bei "People Like Me" habe ich dies so gemacht. In diesem Song geht es deutlich um einen sozialen Außenseiter, vielleicht um einen potentiellen Mörder, aber geschrieben aus dessen Perspektive. Der Song geht über die Absurdität des Glaubens, obwohl der Text versucht, dies zu rechtfertigen. Direkte Kritik ist nicht immer notwendig, auch wenn dies die eigentliche Absicht ist.

Wollt Ihr die Zuhörer zum Nachdenken über die Texte anregen? Vor allem provozierend, so daß sie über ihr eigenes Leben (Gesellschaft, Menschen, Beziehungen...) nachdenken?

Mark: Auf jeden Fall. Wir versuchen immer, eine Beziehung zum Zuhörer herzustellen - das bewegt uns, wenn wir die Texte schreiben und wir hoffen, daß andere etwas aus den Texten herausholen können. Sie sollten schon provozieren, obwohl die Interpretation eines jeden Songs für jeden unterschiedlich ist, und das ist gut so. Es gibt einen feinen Unterschied zwischen dem Schreiben eines Textes, der zu deutlich über ein Thema ist und eines Textes, der so offen für Interpretation ist, daß er die Phantasie und die Gefühle der Zuhörer nicht mehr anspricht.

Rich: Ja, genauso ist es. Die besten Briefe stammen von Leuten die sagen, daß ein bestimmter Song ihnen so viel bedeutet wegen des Textes oder der Stimmung, in die er sie versetzt oder welche Erinnerungen er bei ihnen freisetzt. Es ist ein großartiges Gefühl zu wissen, daß du etwas geschaffen hast, das anderen so viel bedeutet.

Sage zwei Sätze zu jedem Song oder beschreibe jeden mit zwei Sätzen.

Mark:
"Firefly": Dies sollte ursprünglich ein instrumentelles Stück werden. Es basiert auf einer tragischen Brandstiftung, die in der Nähe unseres Wohnortes stattfand.
"Leave You Nothing": Ein Mann spricht zu seiner Tochter, die er nur ein Mal in der Woche für eine Stunde sehen kann. Geschrieben wie ein ganz normales Liebeslied bis zu der Zeile "and I'm glad that you're happy, your mother too", wo die Geschichte kippt.
"To Be Alive": Ein Mann der bemerkt, daß er immer sonderbarer wird, vielleicht sogar verrückt. Viele elektronische Feinheiten mit einem fast HipHop-Beat.
"Retaliation": Sparsames, aber energisches Stück mit wahrscheinlich den vorherrschendsten Gitarreneinlagen. Ein Märchen über ungesühnte Schuld.
"Little Missile": Eins der am schwierigsten aufzunehmenden Stücke, wegen der wechselnden Stimmungen und Intensität. Angeregt durch (aber nicht basierend auf) eine Dokumentation über Anna Nicole Smith.
"Razorwire": Das erste Stück, das wir für das neue Album schrieben beschwört gute geistige Bilder herauf. Fett und organisch, mit einem verzerrten Bass.
"Four Walls": Eine Auswahl von Gedanken über Ehrgeiz und Selbstvertrauen. Es hat einen sehr ehrlichen und akustischen Sound, obwohl fast völlig mit dem Synthesizer hergestellt.
"What Does It Cost you": Handelt von einem Mann, der glaubt, das Böse in Menschen sehen zu können. Eine der schnelleren Nummern auf dem Album, mit metallischem Schlagzeug und vielen unterlegten Bässen und Elektronik.
"I Can't Imagine How It Hurts": Ursprünglich geschrieben nachdem ich eine Dokumentation über ein Rwandan-Mädchen sah, dessen Eltern vor ihren Augen ermordet wurden. Ein großartiger und emotionaler Song, der sehr von den Fähigkeiten des Mischtonmeisters BlackPete profitiert.
"The Place You Hide": Dieses Stück schrieben wir als letztes. Wenig und minimal eingesetzte Elektronik untermalen dieses Liebeslied.
"Friends Like These": Auch dieses Stück war schwierig zu mischen, aber BlackPete hat großartige Arbeit geleistet. Über die Wichtigkeit von wahrer Freundschaft und das Bedauern über die, die diese Vernachlässigen.
"The Troube We're In": Ein Song über das Beschützen der Menschen, die wir lieben und die falsche Bequemlichkeit, die wir durch Ignoranz erhalten. Durch die Stimmung am Ende war uns immer klar, daß dies das letzte Stück auf dem Album sein würde.

Mesh ist in Deutschland erfolgreicher als in irgendeinem anderen Land. Wisst Ihr den Grund dafür?

Mark: Wir haben sicherlich Glück mit unseren Partnern in Deutschland, und das hat sich in den letzten Jahren bei der Promotion gezeigt. Es wäre nicht wahr, wenn ich sagen würde, daß man uns in Deutschland mehr bewundert, aber ich glaube, daß die Medien in Deutschland unserer Musikrichtung offener gegenüberstehen und es gibt dort sicherlich mehr Möglichkeiten für uns. Dennoch merken wir, daß es immer mehr Fans überall auf der Welt gibt, und dies wird vereinfacht durch die Kontakte über das Internet und die vielen Anfragen, die wir aus verschiedenen Ländern erhalten. In Großbritannien könnten wir vor ausverkauften Häusern spielen, wo manch bekanntere Band Schwierigkeiten hätte, diese zu füllen. Wenn man bedenkt, daß wir dort keine PR hatten, verspricht dies Gutes für die Zukunft.

Was meinst Du, wie erfolgreich wird die Single, das Album und Eure Tour in Deutschland werden? Glaubt Ihr, daß Mesh es bis unter die ersten 10 in den deutschen Charts schaffen wird?

Rich: Das fragst Du genau das pessimistischte Mitglied der Band. Ja, ich habe immer geglaubt, daß wenn die Leute hören können was wir machen, warum nicht... aber dieses Geschäft ist leider nicht so einfach, wir sind auch von PR-Agenturen, Plattenfirmen, Radiosendern etc. abhängig, damit dies geschieht. Wenn ich nicht daran glauben würde, daß es möglich ist, hätte ich nicht die Kraft, dies alles durchzuziehen.

Mark: Die ehrliche Antwort ist, daß wir es wirklich nicht wissen! Die Reaktionen auf das neue Album waren fantastisch und die Unterstützung durch die Fans, die Presse und die Clubs war größer als wir je hätten hoffen können. Alles deutet auf einen gewissen Erfolg hin, aber man kann sich nicht darauf verlassen, und wir brauchen schon einen gewissen Mainstream-Erfolg, was zur Zeit noch völlig unabsehbar ist. Das Video zu "Leave You Nothing" ist sehr gut angenommen worden und wir bekommen immer mehr Feedback von neuen Fans, die zu unserer Musik durch dieses Video gekommen sind. In diesem Bereich tut sich also etwas. Wir hoffen, daß die Tour ein Erfolg wird und ein Mittel, unser neues Album zu promoten, und daß neue und alte Fans zu unseren Konzerten kommen und glücklich nach Hause gehen, nachdem sie eine gute Show gesehen haben. Wir haben hart daran gearbeitet, und ich hoffe es gibt den Leuten einen weiteren guten Bezug zur Band.

Ist die neue Single schon geplant? Wenn ja, welche?

Mark: Nein, noch nicht. Wir haben einige Ideen, und Home Records auch, aber vieles hängt von den Reaktionen der Zuhörer ab, vor allem auf der Tour und in den Clubs.

Die Tour: Was plant Ihr für zukünftige Shows? (Videopräsentation, eine außergewöhnliche Lichtshow,...)

Mark: Wir haben die Live-Show völlig neu überarbeitet was die Musik betrifft. Wir hatten viel Zeit, an einer guten Song-Auswahl und deren Präsentation zu arbeiten. Wir werden Video und Bilder einsetzen, genauso wie neue Lichteffekte und wir freuen uns, mit dem Programm Ende April auf Tour zu gehen.

Welche Songs werdet Ihr auf der Tour spielen? (Die neuen Songs... das ist klar!)
Werdet Ihr auch einige der alten Songs spielen, die die deutschen Fans gerne hören möchten, zum Beispiel "My Perfection", "In The Light Of Day", "So Important", "State Of Mind",...?

Rich: Hmmm, es ist immer schwierig, alle zufriedenzustellen. Man kann drei Stunden spielen und 85% der Songs vorstellen und dann kommt immer noch jemand und sagt "Ihr habt das und das nicht gespielt". Deswegen hoffe ich, daß wir eine gute Auswahl aus allen unseren Songs, alten und neuen, getroffen haben.

Mark: Wir geben die Auswahlliste noch nicht raus, aber es werden auf jeden Fall einige neue Stücke sowie ältere dabei sein, die wir seit längerem oder noch nie live gespielt haben.

Wird es neue Fanartikel auf der Tour geben (T-shirts, Poster...)?

Mark: Wir haben viele neue Fanartikel wie T-shirts, Cappies, Taschen, Poster und Artikel der früheren Alben. Viele Sachen, alle von uns entworfen.

Soviel ich weiß habt ihr noch keine Vorgruppe für Eure Tour! Warum? Mögt Ihr die meisten Bands nicht oder gibt es dafür andere Gründe?

Mark: Die Vorgruppe wird die englische Band "Greenhaus" sein, die in Großbritannien und der europäischen Szene immer erfolgreicher wird. Wir mögen ihre Musik sehr gern. Um ehrlich zu sein, es war sehr schwierig, eine Vorgruppe zu finden, und von den Bands, die wir mögen, war es, sei es aus finanziellen oder Zeitgründen, nur "Greenhaus" möglich, die ganze Tour mitzumachen. Wir hatten überlegt, die Tour aufzuteilen, verschiedene Vorgruppen zu engagieren, aber dann beschlossen wir, daß eine Band für die Crew besser sei und auch einfacher zu organisieren. Wir haben zuerst bestimmte Bands angefragt, von denen wir dachten, daß sie für die richtige Atmosphäre geeignet seien, nicht weil sie die einzigen Bands waren, die wir in der Szene mögen, aber weil wir dachten, daß sie die Zuhörer in Stimmung bringen könnten und auch zu unserer Musik passen würden. Wir hoffen, daß die Fans "Greenhaus" (neues Album "The Unmistakeable Sound Of Sloth") genauso mögen werden wie wir.

Sebastian Stolle, mesh-fg.de

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