Tradition hat Zukunft

Daß ein nicht unbeträchtlicher Teil des kleinen schwarzen Herzens, das in der Brust unseres Chefs vor sich hin werkelt, für Synthie-Pop schlägt, dürfte inzwischen hinlänglich bekannt sein. Trotzdem schien die Nummer-Eins-Plazierung von MESHs aktuellem Werk "Who Watches Over Me?" in seiner letzten Playlist etwas überraschend – macht man sich allerdings mit dem Grund dieser Begeisterung vertraut, so kann man eigentlich nicht anders, als selbige zu teilen. Das Album vermittelt Pop in seiner mächtigsten und wohlverstandensten Bedeutung – populäre Musik, einerseits eingängig und melodiös, andererseits doch mit unverwechselbarer und nie anbiedernder Note, musikalisch ausgefeilt und gereift, kein Produkt oder ein belangloses hübsches Gesicht. Witzigerweise stand mal im Raum, daß MESH sich selbst als Industrial Rock sehen würden – war das mehr als Witz gedacht, oder seht Ihr dort gar Eure Einflüsse, die ich eher in den ´80ern vermuten würde?

"MESH bedeutet den Versuch, Musik zu erschaffen, die Emotionen weckt", antwortet Mark Hockings. "Wenn man als Band Musik für einen Markt oder eine bestimmte Zielgruppe schreiben will, muß man schon tapfer sein, denn man steht sofort vor der Situation, daß man weder natürlich noch glaubwürdig wirkt. Selbstverständlich gibt es Songwriter, die genau das für zusammengestellte Bands machen, genau wie Legionen von Bands, die jedem Trend hinterher hecheln – doch sie brennen leicht aus und verschwinden, weil ihnen die innere Bindung zu ihrer Musik fehlt. Und das Publikum spürt das! Aus finanziellen Engpässen heraus genoß bei uns der Song per se immer höhere Priorität als das Programming oder der Sound – ein gutes Stück läßt technische Beschränkungen vergessen, und so haben wir vielleicht einfach diesen Job gelernt. Unter Industrial Rock stelle ich mir aber doch die etwas härtere Gangart vor – wir sind eine Pop-Band, die bei der Wahl der Waffen auf die Elektronik gedeutet hat. Gut, wir bedienen uns unterschiedlicher Quellen, von denen eine der Industrial ist, doch zur Musik gekommen sind wir wirklich durch die elektronischen Bands der ´80er, wie Yazoo, DAF, Kraftwerk, Depeche Mode, Portion Control, Nitzer Ebb und sogar Erasure. In dieser Musik lag soviel Ehrlichkeit und Überzeugung, sie war so erfrischend, und es war vor allem interessant, wie ein als steril verschrieener Sound so viel Gefühl erzeugen konnte. Trotzdem haben wir stets den Tunnelblick vermieden, viel aus der Gitarrenmusik übernommen und diese Lektionen im Studio umgesetzt."

Damit ist ein Teil meiner nächsten Frage schon fast beantwortet, denn die oftmals bemühten Vergleiche mit Martin Gore & Co. finde ich nur insoweit zutreffend, als daß man die Herangehensweise von MESH etwa mit der von Paradise Lost zu Zeiten von "One Second" oder "Host" vergleichen könnte - im Sinne einer Interpretation, nicht eines Vorbilds. Entstehen MESH-Songs eigentlich im Rechner oder traditionell auf der Gitarre oder am Piano?

"Das Faszinierende an Depeche Mode ist, wie das Songwriting, teilweise auch der Aufbau der Lyrics, auf einer sehr persönlichen, intimen Ebene mit dir kommuniziert, die trotzdem von einer Dunkelheit und Tiefe durchdrungen ist, aus welcher die Glaubwürdigkeit resultiert. Dieses "One to one"-Gefühl vermitteln sonst nur Radiohead und Nine Inch Nails, mit Abstrichen noch die Smashing Pumpkins. Ziel des Zusammenspiels von Musik und Text ist eine psychologische Wärme, die auch von der Wahl des Equipments unterstützt wird: wir sind dazu übergegangen, ältere und neue Soundquellen zu vermischen, um diesen warmen Effekt zu erzielen, verwenden für den Großteil der Arbeit Sampler mit analogen Filtern, die einen großen Unterscheid zu Loops und Drums ausmachen. Wir wollten bewußt keine Materialschlacht initiieren, nichts auf die Spitze treiben, um alles nah am Ursprungszustand zu belassen; es sind auch viele Gitarren auf dem Album, aber eben auf eine oftmals nicht erkennbare Weise integriert. Viele Songs wurden zudem wirklich, wie du vermutest, auf der Gitarre komponiert, da man so leichter unterscheiden kann, was machbar ist und was nicht: wenn ein Stück allein auf der Gitarre oder dem Klavier gut klingt, dann erst rechtfertigt es den Aufwand für das Programming. Okay, es mag noch Passagen geben, die auf dieser Ebene noch nicht funktionieren, aber es werden von Album zu Album weniger."

Neben den eingangs erwähnten Einflüssen und ungeachtet der frappanten Homogenität des Albums lassen sich aber auch Spuren wie eben Nine Inch Nails, balladeske Verträumtheit und sehr moderne, techno-infizierte Sounds entdecken. Läßt sich hier schon fast von einer Art "futuristischem Crossover" sprechen, der auch mit einer entsprechenden Breitenwirkung ausgestattet ist? Immerhin wurden schon so unterschiedliche Leute wie Dave Gahan & Martin Gore sowie Robbie Williams auf Euren Konzerten gesichtet...

"Es ist wirklich wichtig für uns, beim Songwriting nicht nach einer festgelegten Checkliste vorzugehen, die dann gnadenlos zu Tode strapaziert wird. Wir wollen interessante Alben machen, welche die komplette Spannbreite von langsam bis schnell, hart bis weich und hell bis dunkel abdecken, ohne daß wir uns darüber grämen müssen, daß wir zu weit vom MESH-Sound abweichen. Irgendwie haben wir´s immer geschafft, ohne unnatürlich zu klingen – womit wir wieder bei der Gefühlskomponente wären. Wir versuchen einen musikalischen Rahmen abzustecken, innerhalb dessen wir uns frei, kreativ und experimentell bewegen können, ohne den Eindruck zu vermitteln, einfach acht oder neun Stile zusammengeworfen und eine Platte ohne Richtung veröffentlicht zu haben. Vielleicht folgen wir anstelle von Genregesetzen einfach unseren eigenen – wer weiß? Wenn wir aber ungeachtet von Szeneansprüchen schreiben und uns parallel dazu fortentwickeln können – was gibt es Besseres?"

Was hat sich denn durch den Wechsel zur Columbia geändert? Sind die Erwartungshaltungen und auch der finanzielle Druck gestiegen?

"Die Situation mit Home Records als Label und Columbia als Vertrieb ist phantastisch, da wir die sehr persönliche Beziehung zum Label mit den Vorteilen des Majorvertriebs und der entsprechenden Promotion verbinden können. Der Druck ist eigentlich nur insoweit gestiegen, als mehr Geld in die Produktion geflossen ist, aber das Problem der Kostenamortisation hat man auch auf einem kleinen Label. Musikalisch-inhaltlich hat uns aber niemand hineingeredet – im Gegenteil: wir sollten den Endmix so nah wie möglich an den Demos belassen. Und wenn man die Chance hat, mit der Platte mehr zu verdienen, dann kann man eben auch mehr reinstecken – Hauptsache, es hält sich die Waage; zumal wir in der glücklichen Position sind, das Gros der Arbeit in unserem eigenen Studio leisten zu können, was eben bei den meisten Bands der größte Kostenfaktor ist. Ich müßte lügen, wenn ich behaupten wollte, daß uns ein Flop nicht enttäuschen würde, obwohl wir durch die brutale Realität auch schon etwas abgehärtet sind. Aber wir haben gute Arbeit geleistet und wollen diese entsprechend vorantreiben – doch wenn zumindest unsere bisherigen Fans wieder zugreifen, wäre das schon Trost genug (na, mal keine falsche Bescheidenheit – Anm. d. Verf.). Die erste Single wird übrigens "Leave You Nothing" (das nicht nur in punkto Titel die o.g. Affinität zu Paradise Lost untermauert – Anm. d. Verf.) sein, zu der wir im März in Berlin auch ein Video drehen. Wir waren so froh, daß überhaupt ein Stück ausgekoppelt wird, daß wir die Entscheidung darüber der Plattenfirma überlassen haben. Da uns auch bei Singles Ehrlichkeit am Herzen liegt, wird es einige Mixe, einen echten Maxi-Edit – was außer uns anscheinend niemand mehr will - sowie das nur dort erhältliche Stück "Let Them Crush Us" als echte B-Seite geben."

Und wer wacht nun eigentlich über Euch?

"Der Titel stammt von einem Zwischenspiel und drückt perfekt den roten Faden aus. Es geht einfach um die Leute, die sich um uns kümmern, um Freunde, Familie, Partner, um diejenigen, welche die Kontrolle an sich reißen und die oftmals zerbrechlichen Freundschaften zerstören wollen, darum, was passiert, wenn eben niemand auf uns aufpaßt. Insoweit ist die Frage auch beileibe nicht rhetorisch gemeint, denn die Antwort darauf fällt bei jedem unterschiedlich aus, aber es ist eine provokante Frage, die für sich selbst steht."

Martin Graf, Legacy

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