"Hallo, kann ich bitte mit Mark sprechen?" war wahrscheinlich mein häufigster Satz auf meiner letzten England-Reise im Mai. Mehrmals versuchten wir, einen Termin zu vereinbaren, der sowohl der Band als auch mir paßte, doch irgendwie dauerte es mehrere Wochen, bevor wir es schafften, alles - einschließlich der halbstündigen Fahrt von Liverpool nach Bristol - auf die Reihe zu bekommen. Und schließlich wurde dann doch gar nichts draus.
Wir einigten uns darauf, daß ein e-mail-Interview von zu Hause aus wohl doch am einfachsten wäre. Ziemlich schade, denn ich bin mir sicher, wenn ich im nächsten Jahr rüber fahre, sind Mesh wahrscheinlich schon so berühmt, daß sie für Effigy keine Zeit mehr haben. Ihre aufregende und eingängige Musik verschafft ihnen auf der ganzen Welt Scharen von Fans. Sind Mesh kurz vor dem Durchbruch?

Okay, Ihr seid also Mesh. Aber wer seid Ihr eigentlich?

Mesh: Wir sind: - Lieblings-Sportmarke, Lied, Album, Ort, Essen, Tätigkeit, Film, Getränk, was du unbedingt noch tun willst vor deinem Tod, was dich richtig aufregt, momentanes Lieblingslied, nicht-elektronische Band

Mark: umbro, Midnight (Yazoo), Nevermind - Nirvana, Seaton in Devon, Englisches Frühstück, Motorradfahren, Alien, Single Malt Whisky, Fallschirmspringen, warum Engländer keine Fremdsprachen lernen, Monkey Wrench - FooFighters

Rich: Nike, Wish - Nine Inch Nails, Happiness - The Beloved, vor meinem Kamin, Nudeln, Mountain Bike fahren, The Crow, Fosters-Eis, erfolgreich sein, Unzuverlässigkeit, 6 Underground - Sneaker Pimps

Neil: Adidas, Only You (Yazoo), London Calling (Clash), York, Tacos Minze-Käse-Salat, mit meiner Freundin abhängen, Krieg der Sterne, John Smiths Extra Smooth Bitter, nach Tokio fahren und dort Fotos schießen, Leute, die einem nicht zuhören, Home - Depeche Mode, The Undertones

Ihr arbeitet ja alle hauptberuflich. Wie findet Ihr da noch Zeit für Musik? Wie wichtig ist Euch die Musik?

Mesh: Das ist schon nicht einfach. Die Band ist eigentlich wie eine zweite Vollzeitbeschäftigung. Wir alle haben eine feste Arbeit, aber wir treffen uns dreimal die Woche zum Songs schreiben, aufnehmen, üben und die ganzen Sachen, die man so mit dem Band-Leben verbindet. Wenn wir das nicht wirklich tun wollten, würden wir es sicher nicht schaffen - es bedeutet schließlich eine Menge Arbeit, und wir kennen schon weniger stressige Arten, seine Freizeit zu verbringen.

Wie kamt Ihr auf den Namen Mesh? Hat das eine besondere Bedeutung für Euch?

Mesh: Leider gibt es keinen tieferen Sinn dahinter. Wir mußten einen Namen finden und haben uns ganz demokratisch auf diesen geeinigt.

Ihr werdet oft mit Depeche Mode und Nine Inch Nails verglichen... Stören Euch diese Vergleiche? Seid Ihr von diesen Bands beeinflußt? Oder von wem sonst? Oder ist Eure Musik eine Mischung von allen Bands, die Ihr so hört?

Mesh: Depeche Mode schreiben gute Songs, Nine Inch Nails sind sehr innovativ. Wenn die Vergleich heißen, daß man uns als innovative Songwriter betrachtet, ist das ganz okay. Wenn das heißen soll, wir klingen wie sie, naja, das muß jeder selber entscheiden. Wir hatten nicht vor, wie jemand anders zu klingen. Klar haben wir alle drei Platten von diesen Bands, genauso wie von vielen anderen. Wie du schon sagst ist unsere Musik eine Mischung aus allen Songs, die wir gerne hören, und dazu kommen dann die anderen Sachen, die uns in den Köpfen rumspuken.

Ich habe bemerkt, daß Ihr Eure Cover selbst gestaltet. Hat einer von Euch eine entsprechende künstlerische oder musikalische Ausbildung?

Mesh: Nein. Das ist reines Glück. Aber Neil hat mal ein Buch gelesen.

Ihr kommt aus Bristol, das eigentlich eher für seine "Triphop"-Szene bekannt ist. Wie paßt Ihr in diese Szene in Bristol, und haben Euch die großen Namen der dortigen Musikszene irgendwie geholfen?

Mesh: In Bristol gibt es ganz verschiedene Szenen. Eine davon ist die Triphop-Szene, allerdings ist das auch die bekannteste, die Bristol ein bestimmtes Image gegeben hat. Zu dieser Szene gehören wir natürlich überhaupt nicht. Und obwohl die Leute vielleicht schon mal genauer hinhören, wenn man aus Bristol kommt, dauert so was in England im Normalfall eine Woche, dann kommt vielleicht was Neues aus Manchester oder Sheffield, und der Hype legt sich.

Ihr habt eine große Fangemeinde in Schweden. Liegt das an der Unterstützung von Memento Materia, oder ist der Markt für elektronische Musik dort einfach größer?

Mesh: Die Szene dort ist sicher enorm groß, und die Leute suchen immer wieder nach einer neuen Richtung. Wir sind mit der Entwicklung der Dinge so ganz zufrieden, und es ist schon klasse, dorthin zu fahren für Gigs oder um dort Werbung zu machen. Memento Materia knien sich ganz schön für uns rein, aber das ist auch gut so.

Ihr benutzt in Eurer Musik eine Menge ungewöhnlicher Mischnitte. Mit ungewöhnlich meine ich Ausschnitte aus Radiosendungen, nicht aus Filmen, wie viele andere Bands. Weshalb?

Mesh: Wir haben keinen Video-Recorder, aber wir haben ein Radio.

In vielen Stücken verwendet Ihr Instrumentalmusik, die fast schon selbst ganze Lieder sein könnten. Sind das Stücke, die Ihr mal angefangen, aber nie beendet habt, die Euch aber trotzdem gefallen haben? Nutzt Ihr die einfach als Intros, oder um eine bestimmte Atmosphäre zu schaffen?

Mesh: Eigentlich sollen die nur eine bestimmte Atmosphäre schaffen und die Stücke miteinander verknüpfen. Außerdem muß ja nicht jedes Stück unbedingt 4 Minuten lang sein, sondern kann auch so ganz interessant sein. Vielleicht machen wir irgendwann ein ganzes Album so, mit lauter 30-Sekunden-Stücken (PS: ist nur ein Witz).

Viele Eurer Lieder klingen wütend. Seid Ihr selbst wütend?

Mesh: Die "wütenden" Stücke gehören zu dem was wir machen und was wir sind. Manchmal nutzen wir sie, um einfach mal Dampf abzulassen. Aber es gibt auch andere Stücke, und die sind genauso ein Teil von uns. Vielleicht ist die negative Seite nur interessanter.

Warum habt Ihr in den Staaten ein ganz anderes Album veröffentlicht? Ihr hattet doch schon eines fertig.

Mesh: Geschäfte. Die Amerikaner wollten ein ganzes Album. Als wir Fragile veröffentlichten, sollte es ursprünglich nur ein Mini-Album werden. Schließlich war es unsere allererste Platte. Wir hatten so auch die Möglichkeit, an den Songs noch etwas rumzufeilen, und alles auf den neuesten Stand zu bringen. Wir finden auch, daß es besser klingt. Übrigens gibt es von der Platte sogar drei Versionen. Die erste ist die, die wir auf unserem eigenen Label Tolerance Records veröffentlich haben.

Warum versteckt Ihr Stücke auf Euren Alben?

Mesh: Das macht es interessanter. Die Leute gucken sich das Cover an und erwarten dann bestimmte Lieder. Ist doch nicht schlecht, wenn man dann beim Hören noch auf was anderes stößt, was genauso gut ist, wie der Rest der Platte. Auf Vinyl sieht man ja, wenn da noch was ist, aber auf CD sind die Stücke schwerer zu finden. So weiß man nicht, was einen erwartet. Das ist wie eine Geheimtür.

Karen Collins, Effigy Online

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